Warum der Kampf gegen Hunger jetzt noch schwieriger wird

Jahrelang haben Entwicklungsländer und Hilfsorganisationen Fortschritte im Kampf gegen den Hunger erzielt: Zwischen den Jahren 2000 und 2019 ist der Welthungerindex im Durchschnitt von 29 auf 20 zurückgegangen – eine Verbesserung um 31 Prozent.

Nicht nur Hilfsprogramme, auch der wirtschaftliche und politische Fortschritt in vielen Ländern helfen dabei: Zum Beispiel können die Lieferketten für Nahrungsmittel regionale Missernten schneller kompensieren, weil Infrastrukturen leistungsfähiger geworden sind und lokale Märkte stärker mit nationalen und internationalen Produzenten vernetzt sind.

Nationale und globale Lieferketten intakt halten

Doch genau diese Lieferketten könnte die Covid-19-Pandemie gefährden, warnt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO): “Um Nahrungsmittelknappheit zu vermeiden, muss alles getan werden, um diese Netze intakt, flexibel und effizient zu halten”, sagt FAO-Chefökonom Maximo Torero Cullen Ende.

Einerseits könnten zu rigide Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie den Handel einschränken, andererseits, so Cullen, sollten Regierungen auch die Möglichkeiten zur Erleichterung des internationalen Handels neu bewerten, sprich ihre Zoll- und Einfuhrrichtlinien. Der zu erwartende Anstieg der Weltmarktpreise betreffe Länder, die von Lebensmittel-Importen abhängig sind, besonders hart, wenn eine sinkende Wirtschaftsleistung auch noch die Kaufkraft senke.

Der weitaus größte Teil der Nahrungsmittelproduktion finde zwar auf nationaler Ebene statt. Nach FAO-Einschätzung sind aber ganze Lieferketten bedroht – derzeit weniger durch Covid-19 an sich, als durch Anordnungen vieler Regierungen zur Prävention.

Maßnahmen erschweren Arbeit von Hilfsorganisationen

Auch internationale Hilfsorganisationen müssen deswegen bereits umdenken: “Das hängt zum Einen damit zusammen, welche Krisenpläne in den Ländern gelten. Also: Gibt es Ausgangssperren, müssen die Leute im Homeoffice arbeiten, können wir überhaupt noch in Projektregionen fahren?”, sagt Simone Pott, Sprecherin der Welthungerhilfe in Bonn.

Davon betroffen seien insbesondere Programme, die die Ernährungs- und Gesundheitslage mittel- und langfristig verbessern sollen, wie die Verbesserung von Bewässerungssystemen, Fortbildungen für Kleinbauern oder Hygieneschulungen, die derzeit besonders wichtig wären: “All diese Projekte können wir im Moment nicht in allen Ländern weiterführen wie bisher, weil es schlichtweg Restriktionen gibt. Die Kollegen können gar nicht mehr von A nach B fahren”, schildert Pott die Lage.

Keine Schule, keine Mahlzeit

Eine Maßnahme mit weitreichenden Folgen sind beispielsweise Schulschließungen. Selbst im reichen Deutschland hat das schon dazu geführt, dass manche Kinder ihre einzige warme Mahlzeit des Tages nicht mehr bekommen. Während man in der Bundesrepublik davon ausgehen darf, dass die Kinder dennoch ausreichend Nahrung erhalten, ist das in ärmeren Ländern oftmals nicht der Fall.

Elfenbeinküste Schüler in Kantine (Getty Images/AFP/I. Sanogo)

Mittagessen für Grundschulkinder in der Elfenbeinküste

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) hat eine Karte erstellt, die die Dimension dieses Problems verdeutlicht: Demnach erhalten weltweit annähernd 370 Millionen Kinder wegen Covid-19 nicht das gewohnte Mittagessen in der Schule. Fast zwölf Millionen von ihnen sind in Schulspeisungsprogrammen des WFP. Für viele von ihnen ist die Schulspeisung die einzige regelmäßige Mahlzeit überhaupt.

Wirtschaftliche Ausfälle bedrohen die Schwächsten

Doch auch Erwachsene sind von Schließungen bestimmter Einrichtungen betroffen: In Deutschland versorgen die mehr als 940 “Tafeln”  nach eigenen Angaben rund 1,65 Millionen Bedürftige mit Nahrungsmitteln kurz vor dem Verfallsdatum, die sonst in den Abfall kämen. Doch fast die Hälfte der Tafeln haben ihren Betrieb vorübergehend eingestellt. Solche Angebote gibt es in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern gar nicht. Da aber, wo es sie gibt, wie in Indien oder Brasilien, droht durch die Corona-Auswirkungen, dass Arme keine Möglichkeit mehr haben, an preiswerte oder gar kostenlose Mahlzeiten zu kommen.

Pakistan Essensausgabe während Coronakrise (Getty Images/AFP/A. Qureshi)

Diese Essensausgabe für Bedürftige in Pakistan funktioniert noch – trotz Corona

Hinzu kommt die Verschärfung der ökonomischen Probleme von Geringverdienern: Schuhputzern und Straßenhändlern bleiben bei Ausgangssperren die Kunden aus, Tagelöhner sind die ersten, denen der Lohn gestrichen wird. Besonders betroffen seien Menschen im informellen Sektor, sagt Simone Pott von der Welthungerhilfe: “Das wirkt sich natürlich auf die Ernährungslage der Familien aus, wenn ein Einkommen fehlt.”

Hilfsorganisationen rechnen mit Spendenrückgängen

Erschwerend kommt hinzu, dass auch die Hilfsorganisationen mit sinkenden Einnahmen rechnen müssen. Bisher sei in Deutschland noch kein Rückgang erkennbar – wahrscheinlich aber nur, weil noch keine Zahlen vorlägen, sagt die Geschäftsführerin des Deutschen Fundraising-Verbands (DFRV), Larissa Probst. Vieles weise aber darauf hin, dass die Spenden zurückgehen könnten, allein weil wichtige Methoden des Fundraisings derzeit nicht umsetzbar seien: “Also so etwas wie der Spendenlauf, eine Gala oder auch die Ansprache in der Fußgängerzone – all diese Möglichkeiten fallen jetzt natürlich weg.”

Dazu kämen die wirtschaftlichen Probleme in Geberländern wie Deutschland, sagt Probst: “Viele Menschen sind jetzt von Kurzarbeit betroffen, haben also selber nicht mehr die finanziellen Möglichkeiten, und teilweise haben sie wirklich Existenzängste. Und das gilt natürlich auch für die Unternehmen.” Abhilfe, so Probst, könnten eventuell die Förderstiftungen leisten, die bereits die Bereitschaft zeigten, nun höhere Spenden mit weniger bürokratischen Auflagen an Hilfsorganisationen zu vergeben.

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UN-Klimakonferenz in Glasgow wird verschoben

Die Entscheidung sei gemeinsam vom Klimasekretariat der Vereinten Nationen und den beiden Veranstaltern Großbritannien und Italien getroffen worden, heißt es in einer entsprechenden Mitteilung der britischen Regierung. Die UN-Klimakonferenz soll nun im kommenden Jahr abgehalten werden. Das genaue Datum steht aber noch nicht fest.

Klimawandel langfristig größere Bedrohung als Covid-19

“Im Lichte der andauernden, weltweiten Effekte von Covid-19 ist es nicht mehr möglich, eine ehrgeizige, inklusive COP26 im November 2020 abzuhalten”, so die Begründung. COP26 ist das Kürzel für die nächste Klimakonferenz. “Die Welt ist derzeit einer nie da gewesenen globalen Herausforderung ausgesetzt und Staaten fokussieren zu Recht ihre Bemühungen darauf, Leben zu retten und Covid-19 zu bekämpfen. Das ist der Grund, warum wir uns entschieden haben, die Klimakonferenz zu verschieben”, sagte der britische Minister für Wirtschaft und Energie, Alok Sharma.

UN-Klimasekretärin Patricia Espinosa erklärte, die Verschiebung sei angesichts der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus unvermeidlich. Auf lange Sicht sei der Klimawandel aber die deutlich größere Bedrohung für die Menschheit.

Vor dem Klimagipfel «COP26» (picture-alliance/dpa/C. Ratcliffe)

Italiens Regierungschef Giuseppe Conte und Premier Boris Johnson Anfang Februar optimistisch bei einem Vorbereitungstreffen

Die Verschiebung ist ein schwerer Rückschlag für den Klimaschutz. Der diesjährige Gipfel sollte der wichtigste seit langem werden. Hier sollten die Staaten ihre vor fünf Jahren im Pariser Weltklimaabkommen vereinbarten Emissionsziele nachbessern. Denn noch reichen sie in der Summe längst nicht aus, um das Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erfüllen.

Auf der Klimakonferenz in Paris 2015 hatten sich alle teilnehmenden Staaten auf ein völkerrechtlich bindendes Abkommen verständigt, dessen Ziel Maßnahmen sind, um die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius, idealerweise 1,5 Grad, gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu beschränken. Unter Klimawissenschaftlern gilt als Konsens, dass die Erde gegenwärtig eher auf drei bis vier Grad Erwärmung zusteuert, was katastrophale Folgen in allen Teilen der Erde bringen würde.

Die letzte UN-Klimakonferenz, 2019 in Madrid, hatte sich nur auf einen Minimalkompromiss einigen können: eine politische Abschlusserklärung mit vielen vagen Formulierungen. Die größten Streitthemen wurden auf Glasgow 2020 vertagt. Jetzt dauert es noch länger.

qu/gri (dpa, afp, rtr)

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Deutschland verkauft weiter Waffen an Kriegsallianz im Jemen

“Nichts als heiße Luft” seien die Beteuerungen der Bundesregierung, sie betreibe eine restriktive Rüstungsexportpolitik, kritisiert die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen. Die abrüstungspolitische Sprecherin der Linksfraktion macht das an aktuellen Zahlen des Wirtschaftsministeriums fest, nach denen deutsche Firmen weiter in großem Stil Waffen an die Länder der Kriegskoalition im Jemen liefern – seit Anfang 2019 für mehr als eine Milliarde Euro.

Beispielsweise an die Vereinigten Arabischen Emirate, die an der Seite Saudi-Arabiens gegen die Huthi-Rebellen im Jemen kämpfen. Im Jahr 2019 genehmigte die Bundesregierung Rüstungsexporte für mehr als 256 Millionen Dollar an den Golfstaat. Damit befeuere die Bundesregierung den seit fünf Jahren andauernden Jemen-Krieg, kritisiert Außenpolitikerin Dagdelen. “Die Emirate sind zusammen mit Saudi-Arabien hauptverantwortlich für die größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit”, sagte sie der Deutschen Welle. Notwendig sei ein sofortiger Stopp von Waffenlieferungen an die Vereinigten Arabischen Emirate.

Ägypten kauft deutsche Kriegsschiffe

Als Großkunde deutscher Waffenschmieden erwies sich erneut Ägypten, das sich mit seinen Kriegsschiffen an der Seeblockade des Jemens beteiligt. Auf dem Einkaufszettel aus Kairo standen zuletzt eine Fregatte und ein U-Boot des Herstellers ThyssenKrupp Marine Systems. Allein im vergangenen Jahr genehmigte die Bundesregierung Rüstungsexporte für knapp 802 Millionen Euro an Ägypten. Auch Bahrain, Jordanien und Kuwait, die sich mit Kampfflugzeugen am Jemen-Krieg beteiligen, erhielten 2019 Waffen aus deutscher Produktion.

Sevim Dagdelen, Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke

Sevim Dagdelen (Die Linke) macht der Bundesregierung schwere Vorwürfe

“Das sind sehr hohe Genehmigungswerte”, betont Rüstungsexperte Marius Bales vom “Bonn International Center for Conversion” (BICC). Die Zahlen zeigten, “dass die deutsche Rüstungsexportpolitik maßgeblich von wirtschaftlichen Faktoren angetrieben wird und in keinster Weise wirklich restriktiv ist”. Die Länder des Nahen und Mittleren Ostens gehören traditionell zu den größten Absatzmärkten für deutsche Waffenschmieden. Die Nachfrage ist hoch und die eigene Rüstungsindustrie oft noch nicht so weit entwickelt, dass die Waffen selbst produziert werden könnten.

Deutsche Waffen im Jemen-Krieg

Rüstungsexperte Bales hält Waffenlieferungen an Länder, die am Jemen-Krieg beteiligt sind, für “äußerst verwerflich”. Mit diesen Rüstungsexporten umgeht die von Angela Merkel geführte Bundesregierung ihren eigenen Beschluss vom März 2018. Der lautete, keine Waffen an Länder zu verkaufen, die “unmittelbar am Jemen-Krieg beteiligt sind”. Ausnahmen machte die Regierung für bereits genehmigte Lieferungen, sofern diese “ausschließlich im Empfängerland verbleiben”. Dass mit deutschen Waffen aber auch im Jemen selbst gekämpft wird, hat das Recherchebündnis #GermanArms unter Beteiligung der Deutschen Welle belegt.

Ein Rüstungsexportstopp gilt derzeit nur für ein Land in der Region, und zwar für Saudi-Arabien. Die Bundesregierung verhängte es im November 2018 nach der Tötung des regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Generalkonsulat in Istanbul. Gerade erst hat sie es um weitere neun Monate bis zum 31. Dezember 2020 verlängert. Allerdings führt die aktuelle Liste des Wirtschaftsministeriums auch die Lieferung gepanzerter Geländewagen an Saudi-Arabien auf. Oppositionspolitikerin Dagdelen wertet das als “dreisten Verstoß” gegen den Lieferstopp. “Statt das Waffenembargo ständig skrupellos zu torpedieren”, müsse es umfassend auf alle Länder der Jemen-Kriegskoalition ausgeweitet werden.”

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Desinformation und Nazi-Propaganda zur Corona-Pandemie

Der deutsche Inlandsgeheimdienst warnt vor einer Instrumentalisierung der Corona-Krise durch Rechtsextreme. Das Virus finde in der rechtsextremistischen Szene “große Beachtung”, sagte Thomas Haldenwang, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, der Wochenzeitung “Die Zeit”.

Die Pandemie werde zum Anlass genommen, das Vertrauen in die Bundesregierung zu untergraben, “Verschwörungstheorien zu verbreiten und Migranten als Überträger des Virus zu brandmarken”, so Haldenwang. “Gleichzeitig werden Untergangsszenarien entworfen, um Zustimmung zu radikalen und extremistischen Positionen zu erzeugen.” Die Verfassungsschutzbehörden hätten derartige Aktivitäten darum genau im Blick, betonte Haldenwang.

Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang

Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Benjamin Strasser forderte ein zentrales Abwehrzentrum gegen Desinformation beim Bundesinnenministerium. “Diese Extremisten nutzen jede Gelegenheit, Hass zu säen und den demokratischen Staat zu bekämpfen”, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Die Bundesregierung verfolge keine Gesamtstrategie zum Umgang mit Desinformationen. Jedes Ministerium und Behörde stelle derzeit seine eigenen Überlegungen an. “In Krisensituationen muss der Rechtsstaat koordiniert gegen falsche Informationen und populistische Hetze kontern”, forderte Strasser.

Angriffe ausländischer Regierungen

Diverse Versuche von Desinformationskampagnen seien derzeit auch im Bundesinnenministerium Thema, hieß es weiter in der “Zeit”. Neben Reichsbürgern, Neonazis oder der Identitären Bewegung versuchten auch ausländische Regierungen auf diese Weise den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland und in der Europäischen Union anzugreifen.

Dies beklagt auch die EU. Besonders Russland und China würden die Pandemie im eigenen Interesse instrumentalisieren, “oft durch direktes Infragestellen der Glaubwürdigkeit der Europäischen Union”, heißt es in einem Bericht des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EEAS). Auch Online-Plattformen verdienen demnach weiterhin Geld damit, Falschnachrichten und Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus zu verbreiten.

Russlands Präsident Wladimir Putin beim Besuch eines Krankenhaus für Corona-Patienten

Russlands Präsident Wladimir Putin beim Besuch eines Krankenhaus für Corona-Patienten

Der EEAS hat nach eigenen Angaben die Verbreitung von Desinformation in der EU, in Afrika, China, Russland, dem Westbalkan und im Großraum Mittlerer Osten untersucht. “Behauptungen, dass die EU angesichts von Covid-19 zerfällt, sind in allen analysierten Regionen ein Trend in den sozialen Medien”, heißt es in dem Bericht.

Bild einer fragilen EU

Besonders staatsnahe russische Akteure schlachten demnach die Darstellung aus, dass die EU kurz vor dem Kollaps stehe. In der Ukraine werde diese Botschaft mit der Beschreibung des staatlichen Scheiterns im eigenen Land kombiniert. Dort und besonders in den Ländern des westlichen Balkans werde die Corona-Krise zudem mit dem Vorwurf verbunden, die EU lasse ihre Verbündeten im Stich.

Die Berichte über russische Hilfslieferungen an Italien fanden EEAS zufolge in Russland und bei Kreml-nahen Auslandsmedien wie RT und Sputnik großen Anklang. “Die staatlich kontrollierten russischen Medien haben ihren Schwerpunkt verlagert, um die Bereitschaft Russlands zur Bekämpfung des Ausbruchs hervorzuheben”, heißt es weiter in dem Bericht.

Chinesische Ärzte treffen Mitte März in Rom ein, um Hilfe zu leisten

Chinesische Ärzte treffen Mitte März in Rom ein, um Hilfe zu leisten

Chinesische Staatsmedien und Regierungsvertreter würden weiterhin nicht belegte Theorien über den Ursprung von Covid-19 verbreiten. “Es gibt Versuche, den Eindruck zu erwecken, dass es beispielsweise von US-Militärangehörigen nach Wuhan gebracht wurde oder dass es aus Italien stammen könnte”, erklärte der EEAS. In der chinesischen Berichterstattung werde zudem die Dankbarkeit europäischer Regierungschefs für chinesische Hilfslieferungen hervorgehoben.

Online-Plattformen spielen dem EEAS zufolge in der Krise eine unrühmliche Rolle. Facebook etwa habe angekündigt, entschieden gegen Verschwörungstheorien und Falschinformationen im Zusammenhang mit der Pandemie vorzugehen. Doch die großen Plattformen verdienten weiterhin an Desinformationen und schädlichen Inhalten, “zum Beispiel durch das Schalten von Online-Anzeigen auf Seiten, die Migranten fälschlicherweise als Ursache des Virus darstellen, falsche Heilmittel bewerben oder Verschwörungstheorien verbreiten”.

stu/kle (dpa, afp)

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Spanien: Eine Tourismushochburg wird zur Krisenregion

Alberto Piñar ist in Sevilla geboren und aufgewachsen. Der 28-Jährige ist seit fünf Jahren selbständig und lebt als Single im Zentrum der südspanischen Stadt. Gerade noch vor dem Lockdown schaffte er es, zum Haus seiner Eltern am Stadtrand zu kommen. “Hier gibt es mehr Platz – und wenigstens bin ich nicht allein”, sagt Piñar.

Der Ausbruch des Coronavirus hat Spanien stark getroffen. Mit über 102.000 Infizierten und mehr als 9000 Toten (Stand Mittwoch) ist es das am zweitstärksten betroffene Land Europas. Um die Ausbreitung des Virus zu kontrollieren, hat die Regierung verpflichtende Ausgangsbeschränkungen verfügt, die seit dem 16. März gelten und kürzlich bis zum 12. April verlängert wurden. Seitdem müssen die Menschen zu Hause bleiben und dürfen ihre Wohnungen nur zum Einkaufen verlassen, oder wenn sie ihre Hunde ausführen oder sich um bedürftige Verwandte kümmern müssen. Auch zur Arbeit darf man nur, wenn es absolut notwendig ist.

Für die Cartoonistin Iratxe Fernández, die eine einjährige Tochter hat, bedeuten die Ausgangsbeschränkungen eine Menge Stress. Sowohl sie als auch ihr Partner arbeiten Vollzeit von zu Hause aus und kümmern sich abwechselnd um ihr Kind. “Meine Tochter ist noch sehr [von uns] abhängig. Zu Hause ist es schwer sich zu konzentrieren. Arbeiten und sich um ein Kind kümmern ist nicht miteinander vereinbar.”

Spanien Seville Stadtreinigung Straßenreinigung (DW/S. Sáez Moreno)

Mit dem Sprengwagen gegen die Seuche: Straße in Sevilla

Hunderte Kilometer weiter, in Madrid, arbeitet der italienische Biologe Massimiliano Saladino, auch er von zu Hause aus. Dennoch ist seine Weiterbeschäftigung bei einer Fruchtbarkeitsklinik ungewiss. “Im Prinzip ist heute mein letzter Arbeitstag. Niemand weiß, was kommt.” Saladino ist besorgt über eine Regelung für befristet Beschäftigte. Diese erlaubt es, Arbeitskräfte während des Lockdowns zu entlassen.

Spaniens wichtigste Wirtschaftsbranche bedroht

Das spanische Ministerium für Arbeit und Soziales berichtet, von Anträgen auf Arbeitslosenunterstützung geradezu überschüttet zu werden. Die spanische Wirtschaft stützt sich stark auf den Dienstleistungs- und Tourismussektor. Beide Branchen befinden sich augenblicklich in einer Art Schockstarre.

Ungefähr fünf Millionen Menschen, oder zwölf Prozent der Bevölkerung, arbeiten in der Tourismusbranche. 2019 kamen 83,7 Millionen Touristen nach Spanien; der Sektor macht ein Prozent des Bruttoinlandprodukts aus. Es wird erwartet, dass die Verluste aus dem verlorenen Ostergeschäft “bei über 30 Milliarden Euro liegen werden”, sagt der Tourismus-Experte Pablo Díaz von der Offenen Universität Kataloniens. “Wenn der Lockdown bis in den Sommer anhält, wird erwartet, dass die Verluste doppelt so hoch sein werden.”

Aber selbst wenn die Ansteckungsgefahr in Spanien unter Kontrolle wäre, wäre es unwahrscheinlich, dass schon bald wieder Touristen ins Land kommen. Besucher aus Frankreich, Deutschland, Großbritannien und den nordischen Ländern stellen die größte Besuchergruppe dar, doch diese Länder arbeiten noch an Maßnahmen, die Pandemie in den Griff zu bekommen. “Wahrscheinlich werden Italiener Spanien besuchen, sobald die Ausgangsbeschränkungen aufgehoben werden, da sie ähnlich hohe Fallzahlen haben. Da aber die nordischen Länder geringere Fallzahlen haben, werden sie wahrscheinlich eine Zeit lang die Region meiden”, erklärt Díaz.

Adäquate Maßnahmen der Regierung?

Zuletzt gab es in Spanien einen massiven Anstieg bei der Anzahl der Corona-Infizierten: Von 14.500 Infizierten am 18. März stiegen die Fallzahlen auf etwas über 80.000 am 30. März. Warum sich die Infektion so schnell ausbreiten konnte, könnte mit den verzögerten Maßnahmen der Regierung zusammenhängen – aber auch das erklärt die Situation nicht vollständig.

“Dass Spanien das am zweitstärksten betroffene Land ist, ist Zufall. Es hätte auch jedes andere Land sein können. Epidemiologie ist keine exakte Wissenschaft, und es ist schwierig vorauszusehen, warum eine Krankheit manche Länder stärker trifft als andere”, erläutert Evangelina Martich, Dozentin an der Universität Carlos III.

Spanien Seville Menschen klatschen auf dem Balkon (DW/S. Sáez Moreno)

Applaus für medizinische Helfer, Protest gegen die Regierung: Menschen in Sevilla

Wenn die Infektionszahlen in einem Land steil nach oben gehen, ist die größte Herausforderung, das Gesundheitssystem vor dem Zusammenbrechen zu bewahren. “Kein System, nicht einmal das beste der Welt, ist auf einen solchen Zustrom an Patienten vorbereitet”, sagt Martich. “Ich denke, das spanische System geht sehr gut mit der Herausforderung um. Die Regierung hat Schritte unternommen, um das System vor Überlastung zu schützen – wie zum Beispiel reguläre medizinische Untersuchungen und nicht-lebenswichtige Operationen zu verschieben.”

Während einer Pandemie, sagt Martich, hat das staatliche Gesundheitssystem zwei Reaktionsphasen: zunächst Prävention, dann, Behandlung. “Spanien hat strenge Maßnahmen ergriffen, um die Ansteckungen zu begrenzen. Vielleicht hätte die Regierung schneller reagieren können, aber sie haben die richtigen Maßnahmen ergriffen. Da es noch keine Heilung gibt, ist es am besten, einen Lockdown zu verfügen”, sagt Martich.

Der Lockdown geht in die dritte Woche. Die Spanier beginnen, die Auswirkungen der anhaltenden Einschränkungen zu spüren. Trotzdem wird die Moral durch den Gemeinschaftsgeist hochgehalten. Lustige Memes werden über das Internet verbreitet, Menschen kaufen für ihre stärker gefährdeten Nachbarn ein, und die tägliche Wertschätzung für Menschen im Gesundheitssystem lassen den Coronavirus weniger beängstigend erscheinen.

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