Patricia Highsmith zum 100. Geburtstag

“Sie hatte einen unstillbaren Appetit auf das Groteske, Grausame und Makabre”, schreibt ihr Biograf Andrew Wilson in dem Buch “Schöner Schatten” (2017) über die US-amerikanische Schriftstellerin Patricia Highsmith. Ihr Name ist vor allem durch eine ihrer durchtriebensten und zugleich sympathischsten Romanfiguren bekannt: Tom Ripley. Mehrfach wurden die fünf Romane, die von dem Hochstapler, Kunstfreund, Dahlienliebhaber und Serienmörder erzählen, von und mit Größen des Kinos verfilmt. 1999 erschien in der letzten Verfilmung von “Der talentierte Mr. Ripley” die erste Garde von US-Schauspielern auf der Kinoleinwand: Matt Damon, Jude Law, Gwyneth Paltrow und Cate Blanchett.

Filmstill von Plein Soleil - Nur die Sonne war Zeuge mit Alain Delon am Steuerrad eines Segelschiffs auf dem Meer.

Alain Delon feierte als Tom Ripley in der Verfilmung von René Clement (1960) seinen Durchbruch als Schauspieler

Tagebücher, Serie, Kinofilm: 2021 feiert Highsmith

2021 geht es weiter: Im Jahr des 100. Geburtstags von Patricia Highsmith wird die erste Staffel der Ripley-Verbrechen beim US-Kabelsender Showtime verfilmt. Regie führt Oscar-Preisträger Steve Zaillian, Andrew Scott spielt die Rolle von Tom Ripley und Johnny Flynn tritt als Dickie Greenleaf an. Was Highsmith genau im Sinn hatte, als sie den ersten Band der Geschichte des skrupellosen Trickbetrügers und Emporkömmlings im Jahr 1954 in nur sechs Monaten niederschrieb, kann man ab Herbst 2021 auch in ihren Tagebüchern nachlesen, die der Diogenes-Verlag dann erstmals als Gesamtausgabe veröffentlicht. 

Highsmiths Talent zeigte sich schon in der Schulzeit

Patricia Highsmith, am 19. Januar 1921 als Mary Patricia Plangman in Forth Worth in Texas geboren, kommt unter einem “unglücklichen Stern” zur Welt. So beschreibt sie es 1942 auch in einem von ihr verfassten Gedicht. Ihre Mutter versucht die Tochter abzutreiben, indem sie Terpentin trinkt. Kurz vor der Geburt lässt sie sich von Patricias leiblichen Vater scheiden. Von Fort Worth zieht Patricia mir ihrer Mutter und dem neuen Stiefvater, dem sie den Nachnamen Highsmith verdankt, nach New York. In der Schule gilt sie als hochbegabt. Eine Leseratte, die früh Erwachsenenliteratur liest. Mit 14 schwärmt sie für Mädchen ihrer Schule und macht erste körperliche Erfahrungen. Ihre Homosexualität stößt auf Ablehnung bei der Mutter. Highsmith sieht sich “als männliches Wesen in einem Frauenkörper”, wie sie 1950 rückblickend in ihrem Notizbuch schreibt.

Patricia Highsmith als 47-Jährige im Jahr 1968

Patricia Highsmith im Jahr 1968

Ein großes Thema ihrer Romane ist die “Kippfigur”. Warum werden aus normalen Menschen Mörder? Wann geben sie ihre Moral preis? Diese Frage steht bald im Mittelpunkt fast aller Werke von Highsmith. Dafür interessiert sie sich schon, seit sie acht Jahre alt ist und im Bücherregal ihrer Großmutter das Werk “Die Seele des Menschen” von Carl Menninger findet. Der deutsch-amerikanische Psychologe führte in den USA eine Klinik, die sich um Kriegsveteranen kümmerte.

Durchbruch mit “Zwei Fremde im Zug”

Tagebuch führt die junge Patricia ab ihrem 15. Lebensjahr. Die einzelnen Bände fungieren auch als Notizbücher. Erste Kurzgeschichten, die von ihren homosexuellen Sehnsüchten handeln, wie “Salz und sein Preis” (heute bekannt als “Carol” in der Verfilmung mit Cate Blanchett), erscheinen unter Pseudonym. Sie sind ihr peinlich. Highsmiths Durchbruch kommt mit dem Roman “Zwei Fremde im Zug” (1950).

Buchcover von Patricia Highsmith Zwei Fremde im Zug

Ihr erster Romanerfolg im Jahr 1950, verfilmt von Alfred Hitchcock

Ein Buch über das perfekte Verbrechen. Zwei Männer, die sich zufällig während einer Zugfahrt kennenlernen, planen einen Mord. Alfred Hitchcock kauft der 30-jährigen Autorin für 8000 US-Dollar die Rechte an ihrer Geschichte ab und verfilmt den Thriller 1951. Da ist Patrica Highsmith gerade mit ihrem Studium der englischen Literaturwissenschaften, Latein, Griechisch und Zoologie am Barnard-College in New York, das nur Studentinnen aufnimmt, fertig. Sie jobbt in einem Comic-Shop, um über die Runden zu kommen.

Highsmith untergräbt Thriller-Genre

“Sie war die erste, die aus einem Thriller Literatur machte”, schreibt François Rivière, Autor der 2003 in Frankreich erschienen Biographie ”Ein langer und wunderbarer Selbstmord. Ein Blick auf Patricia Highsmith” (Verlag Calmann-Lévy). Sie untergrabe das Genre des Thrillers, weil “der Leser Partei ergreift für die Seite des Mörders”. Sogar ein Serienkiller wie Tom Ripley, der alle Widersacher kaltblütig aus dem Weg räumt, findet die Sympathie des Lesers. Die Erfindung des Parvenu, der vorgibt ein anderer, nämlich der reiche Erbe Dickie Greenleaf zu sein, und bis zur Perfektion in dessen Rolle schlüpft, bezeichnet Rivière als eine Art Doppelgänger von Patricia Highsmith. Als sie für “Der talentierte Mr. Ripley” für den Edgar-Allen-Poe-Award nominiert wird, schreibt sie “…und Ripley” hinter ihren Namen. Auch Briefe soll sie ab und zu mit “Tom Ripley” signiert haben.

Alle Ripley-Romane spielen übrigens in Europa. Dorthin reist Highsmith 1949 erstmalig – mit dem Schiff. In ihr Notiz- und Tagebuch notiert sie die aus heutiger Sicht geradezu visionären Zeilen: “Meine hartnäckige Obsession ist, dass Amerika sich fatalerweise…von der eigentlichen Wirklichkeit wegbewegt, dass nur die Europäer über diese Wirklichkeit verfügen.” 1963 zieht sie endgültig nach Europa um: zuerst nach Italien, dann nach Großbritannien, Frankreich und schließlich in die Schweiz. 

Die dunklen Schatten von Patricia Highsmith

Filmstill aus Carol zeigt die Schauspielerin Rooney Mara als Therese Belivet und Cate Blanchett im Pelzmantel als Carol.

Rooney Mara als Therese Belivet und Cate Blanchett als “Carol” (rechts) im gleichnamigen Film von Todd Haynes

Schuld, Herkunft, Moralverlust ziehen sich als Themen durch ihr Werk, genauso wie “die illusionäre Natur der Liebe”, wie einer ihrer Kritiker urteilt. Nicht nur die Ripley-Romane, sondern auch die meisten ihrer überaus spannenden Geschichten wie ”Der Stümper” (1954), “Schrei der Eule” (1962) und ”Edith Tagebuch” (1977) handeln von Außenseitern – ihren seelischen Abgründen und ihrer Selbstgenügsamkeit. “Jeder Mensch birgt in sich eine schreckliche andere Welt, höllisch und unbekannt”, schreibt Highsmith 1942 in ihr Notizbuch. Sie verfasst nicht nur 22 Romane, sondern auch zahlreiche Short Stories. Zwei handeln von ihrer Vorliebe für Schnecken.

In einem Interview, das sie 1974 auf Deutsch dem Schweizer Fernsehen gibt, erzählt sie, dass sie Schnecken als Haustiere schätze. Sie seien interessant, “weil sie sich seit Millionen Jahren nicht verändert haben”. Sie soll sie sogar in der Handtasche spazieren geführt haben.

Schwierige Liebesbeziehungen

In Gefühlsdingen hat Patricia Highsmith kein gutes Händchen. Mit ihren zahlreichen Liebhaberinnen, von denen einige sie als frauenfeindlich beschreiben, verbringt sie meist nur kurze glückliche Phasen. Oft genug greift sie missgelaunt zur Flasche. Sie trinkt übermäßig viel, was auch zur Folge hat, dass sie über den Literaturbetrieb, aber auch über Juden und Schwarze hergezogen sein soll. Der Filmbetrieb liegt ihr trotzdem zu Füßen. 1978 wird Highsmith zur Präsidentin der internationalen Jury der Berlinale berufen, obwohl sie das Kino nicht mag. Doch 28 Mal wurden ihre Romane auf die Kinoleinwand gebracht, vielleicht weil sich ihre Milieustudien so gut für eine Verfilmung eignen. Ruhm wird der Autorin, die wie besessen arbeitet, schnell zu viel. Oft genug zieht sie sich zurück. Am Ende ihres Lebens ins Tessin. Dort stirbt Patricia Highsmith am 4. Februar 1995 an einem Krebsleiden mutterseelenallein in einem Krankenhaus.

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Im Flugzeug mit Nawalny

Der Flug Berlin-Moskau war am 17. Januar alles andere als normal. Schon der Check-in deutete das an: Rund 100 Menschen warteten am Eingang zum Terminal 5 des Flughafens Berlin-Brandenburg, um sich von Alexej Nawalny zu verabschieden, der nach seinem mehrmonatigen Aufenthalt in Deutschland nach Moskau zurückzukehren wollte.

Es waren zwar vor allem Journalisten aus aller Welt, aber auch Aktivisten mit Plakaten, die sich dort postiert hatten. Auf einem der Schilder stand “Die Zeit der Diktatoren ist vorbei”, auf anderen wurde Freiheit für Russland gefordert. Doch die Wartenden bekamen Nawalny gar nicht zu Gesicht. Der Oppositionspolitiker wurde direkt zum Flugsteig gebracht. 

Deutschland Berlin | Rückflug Alexej Nawalny

Alexej Nawalny mit seiner Frau Julia auf dem Weg zum Flugzeug

Überraschungen an Bord

Vor der Maschine standen zahlreiche Polizeifahrzeuge. Doch die Passagiere staunten noch mehr über die vielen Kameras und Reporter an Bord. Viele Mitreisende begannen zu munkeln, welch prominente Person wohl mitfliegen würde.

Als die Maschine schon voll, aber Nawalny immer noch nicht zu sehen war, begann ein junger Mann Flugbegleiter und Mitreisende zu beschimpfen. Er wurde schließlich widerstandslos aus der Maschine geführt, schimpfte aber weiter und nannte alles, was geschah, ein “absurdes Theater”.

Erst nach diesem Vorfall kam Alexej Nawalny mit seiner Frau Julia an Bord. Einige Passagiere waren sichtlich überrascht, andere applaudierten, Kameras klickten. Mehrere kräftige Männer, die den Politiker begleiteten, inspizierten die Kabine. 

Nawalny musste sich zu seinem Platz mit der Nummer 13, den er als “glückbringend” bezeichnete, regelrecht durchkämpfen. Nach etwa zehn Minuten hatte er die Journalistenmenge passiert. Nawalny dankte ihnen nur kurz für ihr Kommen. Auf die Frage der DW, ob man ihn Moskau festnehmen werde, antwortete er: “Mich festnehmen? Das ist unmöglich!”

Pressekonferenz im Flugzeug

Kaum waren die Anschnallzeichen nach dem Start erloschen, stürmten die Reporter wieder zu Nawalny. Der Pilot musste sie schließlich zur Ordnung rufen, worauf sich einige wieder zurückzogen. Einige Passagiere zeigten sich verständnisvoll. ”Es ist schön, dass Nawalny überlebt hat, dass er gesund und munter ist und mit uns nach Moskau fliegt. Sein Schicksal ist uns nicht egal. Das Flugzeug wird das schon aushalten”, sagte uns ein junger Mann.

Als der Pilot ankündigte, die Maschine werde aus technischen Gründen nicht in Moskau-Wnukowo landen, wie ursprünglich geplant, sondern zum Flughafen Scheremetjewo umgeleitet, gab es Applaus und Beifallsrufe. Viele Passagiere bekundeten, dass dies “kein Zufall” sei. Das Flugzeug werde bewusst zu einem anderen Flughafen gelenkt, wo es keine Kundgebung gebe.

Was geschah unterdessen in Wnukowo?

Viele Menschen wollten den Leiter des Fonds zur Bekämpfung der Korruption (FBK), Alexej Nawalny, persönlich am Flughafen begrüßen. Fast 10.000 Teilnehmer hatten sich allein auf der offiziellen Seite zu diesem Ereignis angemeldet, das von Nawalnys Mitarbeitern in Moskau geplant worden war. Die Staatsanwaltschaft warnte umgehend vor einer Teilnahme an nicht genehmigten Veranstaltungen. Und der Flughafen Wnukowo erteilte Journalisten auch keine Drehgenehmigungen.

Nach Schätzungen von “White Counter”, einer nicht kommerziellen russischen Vereinigung von Freiwilligen, die Teilnehmer bei Kundgebungen und Märschen zählen, waren rund 2000 Menschen nach Wnukowo gekommen – nicht nur aus Moskau, sondern auch aus anderen Regionen des Landes. Einige von Nawalnys Aktivisten konnten die Hauptstadt gar nicht erreichen, sie wurden schon in den Zügen festgenommen.

Russland Moskau | Flughafen Vnukovo | erwarteter Rückflug Alexej Nawalny

Russische Nationalgardisten im Flughafen Wnukowo

Erwartet wurde die Maschine in Moskau um 19 Uhr. Bereits am Tag zuvor standen Gefangenentransporter am Flughafengebäude bereit. Am Ankunftstag wurde der Zugang zu den Terminals eingeschränkt, nur mit einem gültigen Flugticket kam man noch durch. Mehrere Personen, darunter der Schriftsteller Dmitri Bykow, sagten der DW, sie hätten extra dafür Tickets für Billigflüge gekauft.

Nawalny oder Busowa – es ist ein Unterschied

“Das ist ein historischer Moment. Nawalny kehrt nach einer Vergiftung und langwieriger Genesung nach Russland zurück. Ich bin gekommen, um ihn zu unterstützen”, sagte Ruslan Schaweddinow, Mitarbeiter des von Nawalny gegründeten Fonds zur Bekämpfung der Korruption. Die russischen Behörden hätten tagelang Propaganda verbreitet, wonach es nicht erlaubt sei, Nawalny im Flughafen in Empfang zu nehmen. “Aber wir alle sind hier und alles verläuft ruhig und friedlich”, sagte Schaweddinow nur wenige Minuten bevor er und die Aktivisten Konstantin Kotow und Ljubow Sobol festgenommen wurden. Nawalnys Bruder Oleg, der mit Schutzmaske neben den Festgenommenen saß, ließen die Polizisten in Ruhe. Offensichtlich hatten sie ihn nicht erkannt.

Spezialkräfte tauchten auf und nahmen weitere Personen fest. Manche der Festgenommenen hatten skandiert und Plakate hochgehalten, andere wurden ohne ersichtlichen Grund abgeführt. Insgesamt wurden laut OVD-Info, einem unabhängigen Medienprojekt, das Menschenrechtsverstöße und politische Verfolgung in Russland beleuchtet, 55 Personen in Wnukowo festgenommen, auch mit Gewalt. Eine Person wurde am Auge verletzt.

Eine Gruppe von Teenagern, die ebenfalls am Flughafen wartete, blieb dagegen unbehelligt. Es waren Fans der TV-Moderatorin und Sängerin Olga Busowa, die aus St. Petersburg eintraf. Die Polizei ging gegen die Jugendlichen und ihre Plakate nicht vor. Busowa sagte später, nur “drei Personen” hätten von ihrer Ankunft gewusst.  

Dass Nawalny gar nicht in Wnukowo landen würde, erfuhren die Aktivisten erst wenige Minuten vor der geplanten Landung. Die Maschine, deren Kurs im Internet verfolgt wurde, drehte plötzlich nach Norden ab und flog zum Flughafen Scheremetjewo.

Wie Nawalny festgenommen wurde

Unmittelbar nachdem Nawalny die Maschine verlassen hatte, hielt er eine spontane Pressekonferenz im Flughafengebäude ab. “Ich bin sehr glücklich, hier angekommen zu sein”, sagte er vor einem Leuchtplakat, das den Kreml zeigte. “Dies ist mein bester Tag der vergangenen fünf Monate, obwohl Deutschland ein tolles Land ist. Hier ist mein Zuhause. Ich bin ohne Angst, weil ich weiß, dass ich im Recht bin. Die Strafverfahren gegen mich sind fabriziert.”

Tatsächlich schien es zunächst auch so, als würde Nawalny gar nicht festgenommen werden. Doch unmittelbar nach der Passkontrolle, als er offiziell russischen Boden betrat, wurde der Politiker von Polizisten umzingelt und in einen geschlossenen Raum gebracht. Die russische Strafvollzugsbehörde meldete später, er sei wegen “mehrfacher Verstöße gegen die Bewährungsauflagen” festgenommen worden. Bevor Nawalny abgeführt wurde, konnte er sich kurz von seiner Frau Julia verabschieden.

Am Montag wurde er zu 30 Tagen Haft verurteilt, weil er mit seinem Aufenthalt in Deutschland gegen Meldeauflagen verstoßen habe, die im Zuge einer früheren Bewährungsstrafe verhängt worden waren.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

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Karlsruhe erhebt Anklage gegen Assad-Gegner

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hat Anklage gegen ein mutmaßliches Mitglied und einen mutmaßlichen Unterstützer der Dschihadistenmiliz Dschabhat al-Nusra in Syrien erhoben. Die Männer waren im Juli vergangenen Jahres in Naumburg in Sachsen-Anhalt und in Essen gefasst worden. Seither sitzen sie in Untersuchungshaft.

Beide stehen im Verdacht, 2012 an der Hinrichtung eines Oberstleutnants der syrischen Regierungstruppen beteiligt gewesen zu sein. Der eine von ihnen soll den gefesselten und schwer misshandelten Gefangenen bewacht haben. Der andere habe die Erschießung zu Propagandazwecken gefilmt und kommentiert, heißt es in der Anklage, die von Mitte Dezember datiert und nun zugestellt wurde.

Im Dienst von Dschihadisten

Die Tatverdächtigen waren Gegner des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Während der eine ohne feste Zugehörigkeit für diverse islamistische Gruppen gekämpft haben soll, gehörte der andere nach Überzeugung des Generalbundesanwalts einer Rebellenorganisation an, die sich später der Nusra-Front anschloss. Die Nusra-Front, die sich zwischenzeitlich umbenannte, wurde in Deutschland ebenso wie in den USA und vielen weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft.

jj/kle (dpa, afp, bundesanwaltschaft)

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Transatlantischer Neuanfang unter Joe Biden?

Wenn man in diesen Wochen die Nase in den Wind des politischen Berlins hält, dann kann man die neue Hoffnung förmlich riechen. Seit Donald Trump im November knapp vom amerikanischen Volk abgewählt wurde, scheint die Brücke über den Atlantik plötzlich wieder begehbar, die Tür zur multilateralen Kooperation wieder aufgestoßen. Doch völlig unbegrenzt, ganz im amerikanischen Sinn, scheinen die Möglichkeiten nicht, wenn man den Transatlantikkoordinator der Bundesregierung, Peter Beyer (CDU), fragt: ”Probleme werden nicht automatisch verschwinden. Aber es gibt gute Chancen, dass man jetzt konstruktiv und mit Respekt miteinander redet. Und lösungsorientiert verhandelt.”  

Diese Einschätzung teilt Thomas Kleine-Brockhoff, der Vizepräsident des German Marshall Fund of the United States (GMF), eine unabhängige US-amerikanische Stiftung zur Förderung der transatlantischen Kooperation. ”Ein Nationalist ist von einem Internationalisten abgelöst worden.” Doch das hieße nicht, dass sich die Zeit einfach zurückdrehen lässt. ”Die Glaubwürdigkeitslücke, die entstanden ist, ist mit einem simplen ‘We are back’ nicht wiederhergestellt.” 

Designierter US-Präsident Biden

In Deutschland hofft man auf Verbesserung der transatlantischen Partnerschaft unter Joe Biden

Wiederherzustellen und neu aufzubauen gibt es viel in den transatlantischen Beziehungen. Joe Biden hat angekündigt, dem Pariser Klimaabkommen wieder beizutreten, und er will mit seinem Land zurück in die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sogar den Truppenabzug aus Deutschland, den Donald Trump letztes Jahr angekündigt hat, wird er wohl zurücknehmen. Für die Europäer sind vor allem Handelsfragen wichtig. Die sollen neu diskutiert werden. Es geht um viel: Die USA und die EU stellen gemeinsam über30% des weltweiten  Bruttoinlandsprodukts. 

“Die Strafzölle müssen weg” 

Taten statt Worte könnten dabei die Glaubwürdigkeitslücke wieder füllen, findet Peter Beyer. Denn wenn man im Berliner Regierungsviertel noch einmal tief einatmet, dann schmeckt die Luft nicht nur nach Hoffnung, es mischt sich auch eine gewisse Erwartungshaltung unter. ”Die Europäer sind gut beraten, jetzt ein Bündel von wirtschaftlich relevanten Themen zu schnüren. Dazu gehört auch die Forderung an die USA: Die Strafzölle müssen weg.” Er spricht vor allem von den Importzöllen auf Aluminium und Stahl, die Deutschland und Europa in den letzten Jahren schwer getroffen haben. Kleinmütigkeit sei der falsche Weg, ergänzt Beyer, man bräuchte ”ein breit angelegtes, transatlantisches Freihandelsabkommen, das auch in Zukunft unseren relativen Wohlstand sichert.”

Symbolbild Stahl NEU

Gehören die US-Sonderzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte aus der EU bald der Vergangenheit an?

Da ist der ehemalige Journalist Kleine-Brockhoff verhaltener. Er findet auch, dass ein neues, großes Handelsabkommen ein wichtiges Zeichen setzen würde, doch die politischen Realitäten in den USA gäben das nur schwerlich her: ”Joe Biden steht unter Druck, genau das nicht zu tun, besonders durch den linken Flügel seiner Partei und durch die Gewerkschaften.” Sie erwarteten von ihm eine Wirtschaftspolitik, die dem Freihandel nicht unbedingt zugeneigt sei. ”Und man sollte den Mann nicht da pressen, wo er nichts geben kann.” 

Auch in Deutschland schlägt einer Neuauflage von großen Handelsabkommen, wie dem 2017 mit dem Amtsantritt Trumps gescheiterten Transatlantischen Handels- und Investitionsabkommen (TTIP), Wind entgegen. Nach Befragungen des Pew Research Center mit Sitz in Washington D.C. und der Körber-Stiftungsieht eine große Mehrheit der Deutschen die USA eher nicht als Partner, wenn es darum geht, den internationalen Freihandel zu schützen. Kleinere Foren und Räte könnten da in den nächsten Jahren zur Alternative werden, um gemeinsame Standards zu finden. Ein Beispiel - der“Joint Trade and Technology Council”, vorgeschlagen von der EU im Dezember. 

Streitpunkt Nord Stream 2 

Andere Probleme werden bleiben, auch unter Joe Biden. Bitter schmeckt dem US-Kongress vor allem eins: Die zweite Unterwasser-Gasleitung Nord Stream 2, die Russland mit Deutschland verbinden soll. Der Kongress hat kürzlich überparteilich neue exterritoriale Sanktionen gegen den Bau der Pipeline verhängt. Peter Beyer wirbt in diesem Fall für Proportionalität. ”Die Diskussion ist völlig überzogen - wir reden hier von einer zweiten Röhre einer bereits bestehenden Gas-Pipeline.” Es gäbe viel drängendere transatlantische Themen, fügt er hinzu, “wie Handel, Sicherheit, Digitalisierung und Gesundheit, gerade in Zeiten der Pandemie.”

Nord Stream 2 | Bauarbeiten Ostsee-Gaspipeline

Der Hafen Mukran auf Rügen gilt als wichtigster Umschlagplatz für den Bau von Nord Stream 2

Ganz anders sieht das Kleine-Brockhoff. Nord Stream 2 sei ”eine große strategische Fehleinschätzung der Bundesrepublik”. Sie schade nicht nur den Beziehungen Deutschlands mit den Amerikanern, sondern besonders denen mit den Osteuropäern – wichtige Verbündete innerhalb Europas. Er schlägt eine osteuropäische Energiesicherheits-Initiative vor, für ein Leben ”mit oder nach Nord Stream 2″. 

Entkoppeln und Anleinen 

Doch egal wie lange man einatmet, bei einem Thema scheint die gemeinsame Luft beider Verbündeter dünn: China. Der Umgang mit dem Aufstieg des Landes wird die transatlantischen Beziehungen in den nächsten Jahren auf eine harte Probe stellen. Für die Amerikaner ist klar, ein ”decoupling”, also eine volle Entkoppelung mit China, muss stattfinden. Dochwährend die EU China als ”systemischen Rivalen” sieht, ist das Bündnis, und besonders Deutschland, weit davon entfernt, seine Handelsbeziehungen mit China herunterzufahren. Der deutsche Export nach China ist von 2019 zu 2020 sogar noch einmal um 14 Prozent gestiegen.

 

Eine gemeinsame Politik müsse gefunden werden, so Kleine-Brockhoff. Dabei hält der Vizepräsident des GMF eine Mischung aus Grenzsetzung und Kooperation mit China für möglich. Der Deal: Die USA rücken von ihrer ”Entflechtungsideologie” ab, während die Europäer die Sicherheits- und Technologiebedenken der USA ernster nehmen – etwa beim Thema 5G-Netzausbau. Auch die von Handelsexperten langersehnte Reform der Welthandelsorganisation (WTO) wäre dabei ein Meilenstein, um China in Handelsfragen gemeinsam an die Leine zu legen.

Das Streben nach Gemeinsamkeit, basierend auf dem Verständnis, dass die USA Europa brauchen und umgekehrt, sie beflügelt viele Transatlantiker in diesen Wochen in Berlin. Dass dieses Streben überparteilich sein muss - in Deutschland, wie in den USA - da sind sich beide Experten einig. Dafür sollte Joe Biden den Republikanern in den nächsten vier Jahren immer wieder Angebote machen. Denn der Präsident hat wenig Zeit, schon nächstes Jahr sind in den USA Midterm Elections. Bis dahin wird erkennbar sein, wie viele der Vorhaben in seiner Amtszeit wirklich umgesetzt werden können.

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Schleppender Impfstart in Brasilien

Brasilien hat zwei Impfstoffe gegen das Coronavirus zugelassen und damit den Weg für eine landesweite Impfkampagne geebnet. Die Nationale Arzneimittelagentur Anvisa genehmigte eine Notzulassung für das Vakzin des britisch-schwedischen Pharmaunternehmens AstraZeneca. Auch für den chinesischen Impfstoff CoronaVac gab es vorläufig grünes Licht.

Kurz darauf erhielt als erste Bürgerin des Landes eine Krankenschwester in São Paulo eine Impfdosis. Die 54-Jährige bekam die Injektion im Beisein des Gouverneurs des bevölkerungsreichsten Bundesstaates São Paulo, João Doria. Dieser hat sich für seinen Bundesstaat bereits sechs Millionen Dosen des Serums gesichert.

Brasilien Präsident Jair Bolsonaro

Für Brasiliens Präsidenten Jair Messias Bolsonaro ist das Coronavirus nicht sonderlich gefährlich

Brasilien mit 210 Millionen Einwohnern ist neben den USA und Indien das mit am schwersten von der Corona-Pandemie betroffene Land der Welt. Nach offiziellen Angaben starben dort bereits knapp 210.000 Menschen an oder mit COVID-19. Derzeit ist in dem südamerikanischen Land nur das vom chinesischen Hersteller Sinovac in Zusammenarbeit mit dem brasilianischen Institut Butantan entwickelte Mittel CoronaVac verfügbar.

Ein Marketing-Trick?

Die Zentralregierung des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro verurteilte den Impfstart als “Marketing-Trick”. Gleichzeitig verlangte Bolsonaros Kabinett die Herausgabe der sechs Millionen Impfdosen, die in São Paulo lagern. Jede einzelne Dose stehe “exklusiv” dem staatlichen Impfsystem zu, das der Zentralregierung unterstellt ist, betonte ein sichtlich verärgerter Gesundheitsminister Eduardo Pazuello.

Brasilien Gesundheitsminister Eduardo Pazuello bei der Ankündigung des Erwerbs von Covid-19-Impfstoffe

Gesundheitsminister Eduardo Pazuello

Er kündigte an, an diesem Montag werde das Militär die Impfdosen abholen und sie landesweit verteilen lassen. Am Mittwochmorgen solle dann mit Massenimpfungen begonnen werden. Als erstes sollen unter anderen Menschen über 75 Jahre, Mitarbeiter im Gesundheitswesen und Bewohner von Altenheimen das Vakzin verabreicht bekommen. 

São Paulos Gouverneur Doria will jedoch ein Fünftel der Impfdosen behalten und sie an die Krankenhäuser verteilen lassen. Das entspricht dem Bevölkerungsanteil São Paulos an Brasiliens Gesamtbevölkerung.

Brasilien I Coronavirus I Agosto Krankenhaus in Manaus

Ein Patient wird in ein Krankenhaus in Manaus gebracht – dort gibt es keine Sauerstoff-Flaschen zur Beatmung mehr

Bolsonaro, der selbt eine Corona-Infektion überstanden hat, lieferte sich in den vergangenen Wochen immer wieder einen verbalen Schlagabtausch mit Doria. Der Staatschef, der wegen seines Krisenmanagements seit Monaten in der Kritik steht, sah keine Eile, mit Impfungen zu beginnen. Er spielte die Gefahr durch das Virus stets herunter und schürt gleichzeitig Sorgen vor unbekannten Nebenwirkungen der Vakzine.

Venezuela schickt Sauerstoff-Flaschen 

Doria gab Bolsonaro auch die Schuld am Kollaps des Gesundheitssystems in der Amazonas-Metropole Manaus. Dort fehlt in den überfüllten Krankenhäusern seit Tagen Sauerstoff für die Patienten. Venezuelas sozialistischer Präsident Nicolas Maduro veranlasste nun ungeachtet der politischen Spannungen mit Brasilien, dass sechs Lastwagen mit Sauerstoff-Flaschen Richtung Manaus starteten.

Rio de Janeiro feiert lieber anstatt an Impfungen zu denken 

In Brasiliens Metropole Rio de Janeiro spielt das Coronavirus für die Menschen augenscheinlich keine Rolle. Dicht an dicht drängten sich die Besucher zwischen den bunten Sonnenschirmen an den weltberühmten Stränden von Copacabana und Ipanema. Viele trugen keine Maske. Der Januar ist in Brasilien Ferienzeit.

Brasilien Coronavirus Rio de Janeiro Ipanema Überfüllter Strand

Vor lauter Menschen ist in Rio de Janeiro der Strand kaum zu sehen

Die Menschen hätten die Pandemie inzwischen “völlig banalisiert”, zitiert das Nachrichtenportal “G1″ die Wissenschaftlerin Chrystina Barros von der Bundesuniversität Rio de Janeiro. “Es ist Sommer, also sind sie (der Einschränkungen) müde. Wir sehen keine Möglichkeit, das Gewissen der Menschen zu erreichen”, bedauerte sie.

se/sti (kna, epd, afp, dpa) 

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