Deutschland "am Beginn einer Coronavirus-Epidemie"

Deutschland steht laut Gesundheitsminister Jens Spahn “am Beginn einer Coronavirus-Epidemie”. Die Situation habe sich binnen Stunden geändert. Die Infektionsketten könnten nicht mehr nachvollzogen werden, sagte Spahn. Im Südwesten beziehungsweise im Westen Deutschlands sind am Mittwoch drei neue Fälle bestätigt worden, während die Lage in Italien weiter angespannt bleibt und weitere europäische Länder Infektionen mit dem Coronavirus vermelden. Nichtsdestotrotz sind “Reisebeschränkungen im Moment nicht nötig”, so Spahn.

“Das Virus ist uns deutlich nähergerückt”, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Eine Expertengruppe mehrerer Bundesministerien berät am Mittwoch im Kanzleramt das weitere Vorgehen. Mit den Gesundheitsbehörden vor Ort werde geprüft, welche Maßnahmen zur Eindämmung der Viruszirkulation nötig seien, sagte Seibert.

Weitere Fälle in Baden-Württemberg

Im südwestlichen Bundesland Baden-Württemberg erhöhte sich die Zahl der bestätigten Corona-Fälle auf drei. Die Universitätsklinik Tübingen vermeldete zwei Patienten, die positiv auf das Virus getestet wurden. Am Dienstag war im Landkreis Göppingen ein erster COVID-19-Fall bestätigt worden. Der 25-Jährige hatte sich laut Behörden vermutlich während einer Italienreise in Mailand angesteckt. Der Patient habe nach seiner Rückkehr grippeähnliche Symptome gezeigt und daraufhin Kontakt mit dem örtlichen Gesundheitsamt aufgenommen. Nach Angaben des Landratsamtes hatte der Patient 13 Personen genannt, mit denen er nach seiner Rückkehr Kontakt hatte. Sie alle sind inzwischen kontaktiert worden. Bei den beiden Tübinger Fällen handelt es sich laut dpa um die Reisebegleiterin des Mannes und um ihren Vater, der selbst Oberarzt am Klinikum Tübingen ist.

Italien: Menschen mit Anti-Coronavirus-Masken in Rom (picture-alliance/M. Nardone)

Atemschutzmasken – auch im deutschsprachigen Raum sieht man sie inzwischen öfter

Sorge vor Ausbreitung in NRW

In NRW wurde am Mittwochmittag ein zweiter Fall bestätigt, nachdem ein Mann aus dem Kreis Heinsberg nahe der Grenze zu den Niederlanden positiv getestet worden war. “Bei der zweiten Person, aus dem engen persönlichen Umfeld des Patienten, liegt nun auch ein positives Testergebnis vor”, teilte die Universitätsklinik Düsseldorf mit. Nach Angaben von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann handelt es sich um seine 46-jährige Ehefrau. Die Frau arbeite als Kindergärtnerin – die Kinder aus der Einrichtung und deren Eltern wurden laut Laumann angewiesen, zu Hause zu bleiben.

Der 47-Jährige wird nach Angaben des zuständigen Klinikdirektors weiter künstlich beatmet. Sein Zustand habe sich aber über Nacht nicht verschlechtert und gehe “tendenziell eher in eine positive Richtung”, sagte der Arzt. Bislang ist nicht bekannt, wo der Mann sich angesteckt haben könnte.

Er war im Februar zu zwei regulären Nachsorgeuntersuchungen in der Universitätsklinik Köln. Dort war er mit 41 Personen in Kontakt gekommen, von denen nun auch eine Mitarbeiterin Symptome der Atemwegserkrankung COVID-19 zeigt. Das Ergebnis des Coronavirus-Tests stehe noch aus, sagte der Direktor der Virologie-Abteilung, Florian Klein.

Die Bundeswehr riegelte kurzzeitig den Stützpunkt der Luftwaffe am Kölner Flughafen teilweise ab. Bis zur Klärung der Lage seien die Kasernentore zu gewesen, sagte der Sprecher. “Diese Sperrung ist mittlerweile aufgehoben”, sagt er weiter. Bei dem Verdachtsfall handelt es sich um einen Soldaten, der laut dpa an Karneval Kontakt zu einem Infizierten aus NRW hatte.

Hotel-Quarantäne für über 100 Deutsche

Auf der Kanaren-Insel Teneriffa müssen nach einer Entscheidung der spanischen Behörden rund 1000 Touristen zwei Wochen lang im abgeriegelten Hotel H10 Costa Adeje Palace bleiben. Nach Einschätzung des Auswärtigen Amts ist davon auch eine “niedrige dreistellige Anzahl Deutsche” betroffen. “Unser Konsulat in Las Palmas de Gran Canaria und auch der Honorarkonsul auf Teneriffa verfolgen die Entwicklungen genau und standen bereits mit einigen Betroffenen telefonisch in Kontakt”, teilte das Ministerium mit.

Frankreich | Coronavirus in Paris (picture-alliance/NurPhoto/J. Gilles)

Frankreich meldet Coronafälle, weiß jedoch nicht, wo die Männer sich ansteckten

Neuer Todesfall in Frankreich

In Frankreich ist ein zweiter Patient an den Folgen der Atemwegserkrankung gestorben. Nun suchen die Gesundheitsbehörden im nordfranzösischen Département Oise nach dem Ursprung des dortigen Corona-Herds: Ein 60-Jähriger aus der Region war an COVID-19 gestorben, ein fünf Jahre jüngerer Patient ist in schlechtem Zustand. Der Verstorbene war Lehrer, er hatte jedoch schon seit mehreren Wochen nicht mehr gearbeitet. Beide galten zunächst nicht als Verdachtsfälle und hatten sich laut Behörden zuvor in keiner der betroffenen Regionen aufgehalten. In Oise wurde ein Krisenstab eingerichtet.

Mehr neue Fälle außerhalb als innerhalb Chinas

Die Weltgesundheitsorganisation WHO verkündete am Mittwoch eine neue Entwicklung bei den Neuerkrankungen: Erstmals wurden mehr neue Fälle in anderen Ländern registriert als in China. China meldete am Dienstag 411 neue Infektionen, alle anderen Länder zusammen 427. Die Atemwegserkrankung hatte in der Millionenstadt Wuhan ihren Ursprung genommen und sich zunächst in China ausgebreitet, inzwischen gelten neue Krankheitsherde in Südkorea, Iran und Italien als besonders betroffen. In Italien sind inzwischen 12 der gut 320 bestätigten Corona-Patienten gestorben.

Zuletzt meldeten neben weiteren europäischen Ländern auch Staaten in Asien, Afrika und Südamerika neue Fälle. Das brasilianische Gesundheitsministerium bestätigte offiziell den ersten Corona-Fall Lateinamerikas, außerdem stehen 20 Verdachtsfälle unter Beobachtung. Auch in Südosteuropa ist das Virus auf dem Vormarsch: Am Mittwoch meldeten Griechenland und Nordmazedonien erste Fälle, zuvor waren bereits zwei Fälle in Kroatien bekannt geworden.

Die USA haben ihre Hinweise für US-Bürger, die in betroffene Regionen reisen, verschärft. Am Abend (Ortszeit) will US-Präsident Trump eine Pressekonferenz zum Corona-Thema abhalten. Derweil rief Litauens Regierung, obwohl in dem baltischen Land noch keine Fälle aufgetreten sind, vorsorglich den Notstand aus, um rasch reagieren zu können.

81.000 Patienten weltweit

Laut WHO sind weitweit inzwischen knapp 81.000 Corona-Patienten registriert; 96,5 Prozent davon in China. Weltweit sind bislang mehr als 2700 Menschen an der durch das Virus ausgelösten Atemwegserkrankung COVID-19 gestorben. 

Italien Coronavirus Casalpusterlengo (picture-alliance/dpa/C. Furlan)

Aus Sorge vor Engpässen gibt es in Italien immer mehr Hamsterkäufe – mit Masken

Die Gesundheitskommissarin der Europäischen Union, Stella Kyriakides, beteuerte, die EU setze alles daran, ihre Bürger vor dem Virus zu schützen. Die Lage könne sich jedoch rasch ändern. “Die Europäische Union ist noch in der Eindämmungsphase, es ist wichtig, das zu unterstreichen”, sagte Kyriakides. Alle Mitgliedsstaaten sollten sich auf einen größeren Ausbruch einstellen, sagte Kyriakides. Sie sollten ihre Pandemiepläne überarbeiten und Maßnahmen mit der EU-Kommission abstimmen.

ehl/ml (dpa, afp, rtr, Bild, Tagesspiegel)

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Corona in Deutschland: "Besonnen und gut vorbereitet"

Wir bleiben aufmerksam, wir bereiten uns auf alles vor, wir regieren aber angemessen: So lässt sich die Haltung der Bundesregierung zur Ausbreitung des Coronavirus zusammenfassen. Auch jetzt, nachdem erste Infektionsfälle auch in Deutschland bekannt geworden sind. Anfang der Woche äußerte sich etwa Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) so: “Ich bin weiterhin fest davon überzeugt, dass wir bestmöglich vorbereitet sind und uns auch vorbreitet haben. Das deutsche Gesundheitswesen ist eines der besten der Welt.” Ähnliche Herausforderungen wie jetzt durch das neue Virus meisterten deutsche Ärzte und Krankenhäuser jedes Jahr bei Grippewellen, so Spahn. Aber er gibt auch zu: Der Unterschied ist, dass die Experten noch nicht alles über das neue Virus wüssten, und ein Impfstoff eben nicht vorhanden sei. Das bestätigt auch der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler: „”Wir müssen realistisch sein: Es wird diesen Impfstoff nicht vor Ende des Jahres geben.”

Keine Abriegelung von Ortschaften

Dennoch ist in Deutschland zunächst nicht an Maßnahmen wie in Italien gedacht, wo komplette Ortschaften abgeriegelt worden sind. Spahn: “Solange es geht, werden wir weiterhin versuchen, Infizierte in Deutschland zu isolieren, klinisch zu behandeln, sowie mögliche Kontaktpersonen engmaschig zu betreuen.” Auch am Dienstag, nach einem Treffen mit den Gesundheitsministern der Europäischen Union in Rom, blieb Spahn bei der Linie, besonnen auf die Ausbreitung zu reagieren: „Wir sind gemeinsam der Meinung, dass zu diesem Zeitpunkt, jetzt, Reisebeschränkungen oder gar das Schließen von Grenzen keine angemessene, verhältnismäßige Maßnahme wäre.” Die Sprecherin der Berliner Gesundheitsverwaltung, Lena Högemann, meint auf Anfrage der DW, eine Abriegelung von Städten, vor allem der Großstädte, sei auch gar nicht möglich: “Die Einreise nach Berlin für innereuropäische Reisende ist aufgrund der vielen unterschiedlichen Wege und Verkehrsmittel kaum wirkungsvoll zu überwachen. Berlin ist gut vorbereitet für den Ernstfall.”  Die Sprecherin rät aber etwa Reisenden, die aus Italien kommen, sicherheitshalber einen Arzt zu kontaktieren.

Deutschland Gesundheitsminister Jens Spahn zu Coronavirus (picture-alliance/dpa/C. Gateau)

Beruhigt: Gesundheitsminister Jens Spahn

Und in Heinsberg in Nordrhein-Westfalen wurden am Mittwoch vorsorglich Schulen und Kindergärten geschlossen, nachdem ein Bürger der Stadt sich infiziert hatte. Minister Spahn rät der Bevölkerung zudem, wenn möglich selbst Vorsorge zu leisten. Regelmäßiges Waschen der Hände mit Seife etwa eine halbe Minute lang, Händeschütteln möglichst vermeiden, so sein Rat. Am Mittwoch nahm dann auch Steffen Seibert, der Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Stellung: “Bisher haben wir es in Deutschland ja geschafft, einzelne Infizierte zu isolieren und zu behandeln und eine Ausbreitung des Virus so zu verhindern. Das bleibt auch weiterhin das Ziel. Auch bei den neuen Fällen ist das Dank der sehr guten Arbeit vor Ort sehr schnell geglückt.”

Allgemeiner Pandemie-Plan ist drei Jahre alt

Eine speziellen, übergreifenden Plan, wie Deutschland auf das Coronavirus reagieren soll, gibt es also nicht. Das zuständige Robert-Koch-Institut verweist auf DW-Anfrage auf den allgemeinen Pandemie-Plan, der drei Jahre alt, nach Angaben einer Sprecherin aber auch auf das Coronavirus anwendbar ist. Dort werden unter dem Punkt “anhaltende Übertragung in der Bevölkerung” eine Reihe möglicher Maßnahmen aufgelistet: “Ausschluss Erkrankter aus Gemeinschaftseinrichtungen, Absonderung Erkrankter, Isolierung Erkrankter im medizinischen Bereich.” So ist die Regierung in Deutschland tatsächlich bislang vorgegangen, etwa, als sie Reisende aus China zurückholte und sie 14 Tage lang in Quarantäne schickte. Weiter heißt es dem Pandemie-Plan aber auch: “Aufnahmestopp in Massenunterkünften, Schließung von Gemeinschaftseinrichtungen, Veranstaltungsverbote.” Soweit sind die Behörden in Deutschland jetzt noch nicht gegangen.

Deutschland Uniklinik Düsseldorf | Coronavirus (picture-alliance/dpa/F. Gamabrini)

Auch in Düsseldorf gibt es einen Corona-Fall

Für eigentlich wenig praktikabel halten Experten das Tragen von Schutzmasken in der Öffentlichkeit. Dennoch sind die meisten Masken in Deutschland zurzeit schon Mangelware. “Es gibt wirklich erhebliche und umfängliche Lieferengpässe”, sagte etwa Thomas Porstner, Geschäftsführer beim Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels. Momentan seien nur noch kleine Mengen verfügbar. Experten haben immer wieder betont, dass die Masken noch am ehesten für Ärzte und Pfleger wichtig sind. Nicht wegen der Gefahr, sich selbst zu infizieren, sondern um geschwächte Patienten zusätzlich zu belasten.

Wirtschaftsexperten stellen sich auf negative Auswirkungen ein.

Wirtschaftsexperten machen sich derweil jetzt schon Sorgen, welche negativen Folgen für die Weltwirtschaft das Virus haben könnte. So sagte Gabriel Felbermayr Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel der DW auf die Frage, ob das Virus die Globalisierung negativ verändern könnte: „Ja, ich denke schon. Was die Wirtschaft jetzt erkennt, ist, wie fragil das weltweite Wirtschaftssystem wirklich ist. Das erinnert mich an den Zusammenbruch von Lehmann-Brothers 2008, als plötzlich viele Menschen begriffen, wie fragil das Finanzsystem wirklich ist.” Auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) wurde in Berlin zu möglichen Folgen für die Weltwirtschaft gefragt – und antworte eher ausweichend, vielleicht auch ratlos: „Wir gehen davon aus, dass es natürlich eine leichte Auswirkung auf die Weltwirtschaft haben kann, haben wird. Wie groß die sein wird, hängt aber davon ab, wie schnell dieses Virus eingedämmt ist und wie schnell die Zahl der Infektionen wieder zurückgeht.” 

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