"Die Diesel-Krise ist noch nicht vorbei"

Rupert Stadler ist Chef bei Audi und außerdem schwer unter Druck. Vorletzte Woche erst war die Nobelmarke von VW erneut mit einem Abgasbetrug aufgefallen. Und zwar ausgerechnet bei Fahrzeugen, die als angeblich sauberer Ersatz für die älteren Schummeldiesel vermarktet wurden. Rücktrittsforderungen weist Stadler jedoch weit von sich: “Ich bin nicht der Typ, der die Flinte ins Korn wirft”, sagte er der “Augsburger Allgemeinen”.

Stattdessen geht der Vorstandschef des Ingolstädter Autobauers in die Offensive: Durch eine “lückenlose Aufklärung” stoße Audi immer noch auf “Auffälligkeiten”. Diese würden “unverzüglich” den Behörden gemeldet. “Neue Rückrufe sind nicht die Folge von Untätigkeit, sondern im Gegenteil das Ergebnis konsequenter Aufklärung”, sagte der Audi-Chef. Sein Fazit: “Die Diesel-Krise ist noch nicht vorbei.”

Deutschland PK Audi (Reuters/L. Barth)

Audi-Chef Rupert Stadler

“Sehr ärgerlich”

Das unionsgeführte Bundesverkehrsministerium ist dafür verantwortlich, dass die deutsche Autoindustrie im Abgasskandal um manipulierte Motorsoftware bisher mit preiswerten Updates davongekommen ist. Doch inzwischen wächst auch dort die Kritik an den Managern. “Es sollte nicht so ein, dass immer wieder erst durch Untersuchungen des Kraftfahrt-Bundesamts Missstände bekannt werden”, sagte der parlamentarische Staatssekretär im Verkehrsministerium, Steffen Bilger (CDU), der “Stuttgarter Zeitung” und den “Stuttgarter Nachrichten”. Vielmehr müssten die Hersteller von sich aus offenlegen, wo noch Nachbesserungen erforderlich sind.

Bilger fügte hinzu, es wäre “sehr ärgerlich”, wenn die Autohersteller nicht alles tun würden, um die Probleme beim Diesel in den Griff zu bekommen. Der Staatssekretär sagte weiter, sein Haus sei nicht an einem Streit mit einzelnen Herstellern interessiert, “aber wir werden alles tun, um zu gewährleisten, dass die Fahrzeuge auf unseren Straßen entsprechend den gesetzlichen Vorgaben unterwegs sind”.

US-Umweltbehörde beklagt VW-Firmenkultur

Die Zweifel am Aufklärungswillen der Autobosse kommen nicht von ungefähr. Wesentliche Erkenntnisse über die Abgasmanipulationen stammen von technischen Ermittlern bei Behörden oder Umweltverbänden. Aufgedeckt wurde der ganze Skandal vor rund drei Jahren von der US-Umweltbehörde EPA, die illegale Abschalteinrichtungen bei Volkswagen nachweisen konnte. Und noch heute bescheinigt die US-Behörde dem VW-Konzern unverändert große Defizite in der Firmenkultur.

“Die VW-Geschichte ist nicht vorbei – nicht für VW und nicht für die EPA”, sagte Christopher Grundler, Direktor der Abteilung Verkehr und Emissionen bei der EPA, dem “Handelsblatt” und der “WirtschaftsWoche”. Der von den US-Behörden nach Wolfsburg entsandte Aufseher Larry Thompson, mit dem er sich regelmäßig austausche, sei “überhaupt nicht zufrieden”.

“Für die EPA zählt Compliance, bei der der Geist von Gesetzen respektiert wird und es nicht nur um die Buchstaben des Gesetzes geht. Ich will unbedingt von VW hören, was ihre Anstrengungen diesbezüglich sind und wie sie sicherstellen, dass so etwas (wie der Diesel-Skandal) nie wieder passiert,” ergänzte Grundler.

VW-Chef stoppt Fertigung wichtiger Diesel-Modelle

Bei Volkswagen müssen mehrere Modelle mit 2.0-TDI-Motor nach Medieninformationen aus der Produktion genommen werden. Konzernchef Herbert Diess habe einen Fertigungsstopp für die betroffenen Passat und Passat Variant mit Frontantrieb und Siebengang-DSG sowie für das Modell Arteon verhängt, berichtet die “Automobilwoche”.

Volkswagen Arteon (2017 Volkswagen AG)

Volkswagen Arteon: Auch das Flaggschiff unter den VW-Modellen hat Probleme

 ”Fahrzeuge, die bereits produziert worden sind, können nicht mehr an Kunden oder Endabnehmer ausgeliefert werden”, zitiert das Blatt aus internen Unterlagen. Auf Anfrage der Branchenzeitung erklärte VW, die gelbe Motorkontrollleuchte könne auf einen Fehler im Abgasnachbehandlungssystem hinweisen, obwohl kein derartiges Problem bestehe. Das Unternehmen erwarte eine korrigierende Software nicht vor dem vierten Quartal 2018.

Der Daimler-Chef muss zum Rapport

Dem Daimler-Konzern droht derweil der Rückruf von mehr als 600.000 Dieselfahrzeugen. Das Kraftfahrt-Bundesamt gehe einem konkreten Verdacht nach, dass bei diesen Fahrzeugen unzulässige Abschalteinrichtungen die Wirkung des Abgassystems manipulieren, berichtet der “Spiegel”. Die Modelle hätten einen vergleichbaren Motor wie der Mercedes-Van Vito mit 1,6-Liter-Motor der Schadstoffklasse Euro 6.

Mercedes-Benz Vito Tourer PRO 2014 (Daimler AG)

Schummelsoftware beim Mercedes Vito

Für den Transporter hat das Bundesverkehrsministerium den Rückruf von 1372 Fahrzeugen in Deutschland und 4923 Fahrzeuge weltweit angeordnet. Daimler hatte angekündigt, Widerspruch einzulegen und falls erforderlich “die strittige Rechtsauslegung auch vor Gericht klären”  zu lassen. Am Montag muss sich Daimler-Chef Dieter Zetsche bei Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) erklären.

rb/sti (afp, dpa, rtr)

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Hitler und "sein Volkswagen"

Zwei Männer, ein Großprojekt: Adolf Hitler und Ferdinand Porsche sind die Macher des VW Käfers. Porsche ist der geniale Konstrukteur, Hitler der politische Geburtshelfer. “Hier fanden sich zwei, die zueinander passten”, resümiert der Historiker Wolfram Pyta, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart.

Gemeinsam mit den Historikerkollegen Nils Havemann und Jutta Braun hat er in dem Buch “Porsche. Vom Konstruktionsbüro zur Weltmarke” die Geschichte des Konzerns nachgezeichnet, der am 25. April 1931 in Stuttgart gegründet wurde.

Fazit: Ohne die Unterstützung Hitlers hätte Porsche das Projekt des Volkswagens nicht zum Abschluss bringen können: “Hitler brauchte einen kreativen Kopf, um einen Kleinwagen zu konstruieren, der als Serienfahrzeug geeignet war”, sagt Pyta. “Und Porsche brauchte einen politischen Auftraggeber, der es ihm ermöglichte, nicht unter Kostendruck zu konstruieren.”

Motorisierung und Mobilisierung

Bereits auf der Automobilausstellung im Februar 1933, also wenige Wochen nach seiner Ernennung zum Reichskanzler, hatte Hitler die “Volksmotorisierung” angekündigt. Im Sommer 1934 beauftragte der “Reichsverband der Deutschen Automobilindustrie” Porsche, einen “Kraft durch Freude”-Wagen zu konzipieren, benannt nach der gleichnamigen nationalsozialistischen Organisation für Freizeitgestaltung.

Porsches Nazi-Vergangenheit: Gute Geschäfte unterm Hakenkreuz (picture-alliance/dpa/DB)

1935 führt Ferdinand Porsche (Mitte, ohne Mütze) Adolf Hitler (Rückbank) den Prototypen seines Volkswagens vor

Am 29. Dezember 1935 nahm Hitler, der selbst keinen Führerschein besaß, den Prototyp “seines Volkswagens” höchstpersönlich ab. Gut zwei Jahre später wurde am 26. Mai 1938 in Anwesenheit des “Führers” die Grundsteinlegung des VW-Werks in Wolfsburg gefeiert.

Doch der “Kraft durch Freude” – Wagen diente zunächst nicht der “Volksmotorisierung”, sondern der Wehrmacht. Er wurde als militärisch nutzbarer und geländegängiger Kübel- und Schwimmwagen an der Front eingesetzt.

Überrascht von dieser militärischen Nebennutzung war allerdings kaum jemand. Denn die Konversion stand von Anfang an fest. In einem Exposé von Porsche aus dem Jahr 1934 heißt es, dass “ein Volkswagen nicht nur als Personenwagen, sondern auch als Lieferwagen und für bestimmte militärische Zwecke geeignet sein muss”.

Ein französischer Volkswagen?

Die Erfolgsgeschichte des Kleinwagens für das Volk begann erst nach dem Krieg. Um die NS-Vergangenheit abzuschütteln, wurde er in “Käfer” umbenannt. Bereits im Dezember 1945 – ein halbes Jahr nach Kriegsende – rollte der erste Käfer vom Band. Zehn Jahre später feiert Volkswagen das millionste Exemplar. Der Wagen mit Buckel und Boxermotor avancierte zum Symbol des deutschen Wirtschaftswunders. Als “Beetle” feierte er weltweit Rekordabsätze. Fast 22 Millionen Käfer wurden insgesamt produziert und verkauft.

75 Jahre Volkswagen (picture-alliance/dpa)

Volksfeststimmung im Volkswagenwerk: 1955 rollt der millionste Käfer vom Band. Der goldene Lack ist fast zu erahnen.

Seine nationalsozialistische Vergangenheit schüttelte der Käfer bereits in der Nachkriegszeit ab. Ausgerechnet das kommunistisch geführte französische Ministerium für industrielle Produktion nahm im Oktober 1945 Kontakt zu Porsche auf.

“Dass die Abkopplung vom Nationalsozialismus gelungen ist, sieht man nirgendwo deutlicher, als in dem Bemühen der französischen Regierung, den Konstrukteur des Volkswagens für ihre Dienste zu gewinnen”, meint Historiker Pyta.

“Grenzenloser Opportunismus” 

Die französische Konkurrenz wusste ein deutsches “voiture populaire” allerdings zu verhindern. “Es kam zu einer Intrige der Konkurrenten Renault und Peugeot”, erklärt Pyta im Gespräch mit der DW. “Porsche und sein Schwiegersohn Anton Piëch wurden beschuldigt, an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein”.

Der letzte Käfer für das Volkswagen Automuseum Wolfsburg (AP)

Eine Ära geht zu Ende: Am 30. Juli 2003 wurde in Mexiko der letzte Käfer weltweit produziert

Porsche wurde daraufhin im Dezember 1945 überraschend in den Gewahrsam der französischen Militärbehörden genommen und blieb bis August 1947 in Haft. Den weltweiten Erfolg des Käfers konnte dies nicht aufhalten.

Für den renommierten Zeithistoriker Pyta ist eine Kooperation wie die zwischen Porsche und Hitler gar nicht so außergewöhnlich: Vermeintlich unpolitische Macher seien häufig beeindruckt, wenn autoritäre Herrscher sie mit faszinierenden Großprojekten lockten: ”Porsche war nicht der einzige, der sich ohne jede moralische Bedenken in einem grenzenlosen Opportunismus den Machthabern an den Hals warf”, sagt Pyta. “Wirtschaftlich Verantwortliche, die allein am Erfolg ihres Unternehmens oder an der Umsetzung ehrgeiziger technischer Projekte interessiert sind, haben gelegentlich keinerlei Bedenken, mit Machthabern zu paktieren.”

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Literaturnobelpreis: "2019 ist nicht die Deadline"

Lars Heikenstein, der Direktor der Nobelstiftung, erklärte am Freitag (2502.2018), dass die Vergabe des diesjährigen Literaturnobelpreises eventuell noch über 2019 hinaus verschoben werden könnte. Der Preis werde erst dann vergeben, “wenn die Schwedische Akademie wieder das Selbstvertrauen dazu gewonnen hat oder zumindest alles dafür Nötige auf den Weg gebracht hat”, so Heikenstein. Dies bedeute, dass 2019 nicht die Deadline sei, sagte er gegenüber dem Schwedischen Radio.

Die Vergabe des Literaturnobelpreises wurde für 2018 ausgesetzt. Stattdessen sollte die Auszeichnung im nächsten Jahr zweimal vergeben werden. Hintergrund ist ein Streit in der Akademie. Sechs der 18 Mitglieder waren zurückgetreten. Sie warfen anderen Mitgliedern vor, einen Belästigungs- und Korruptionsskandal unter den Teppich kehren zu wollen. Heikensten fügte hinzu, die verbliebenen Akademiemitglieder sollten über einen Rücktritt nachdenken.

Innere Zerwürfnisse lähmen Akademie

Die Schwedische Akademie vergibt seit 1901 alljährlich den Literaturnobelpreis. Die prestigeträchtige Institution steht seit mehreren Monaten in der Kritik und ist auch in sich gespalten. Im Mittelpunkt der Vorwürfe steht das langjährige Akademie-Mitglied Katarina Frostenson mit ihrem Mann Jean-Claude Arnault. 18 Frauen warfen Arnault im Zuge der #MeToo-Bewegung im vergangenen Herbst sexuelle Belästigung vor. Außerdem soll Arnault die Namen von sieben Nobelpreisträgern vorzeitig ausgeplaudert haben, was dem Ansehen der Akademie schwer schadete. Darüberhinaus hatte Frostenson jahrelang mit über Subventionen der Akademie für den Kulturverein ihres Mannes entschieden, ohne dass die anderen Mitglieder das wussten. Frostenson ist mittlerweile zurückgetreten.

Infolge der schweren Zerwürfnisse sind derzeit nur noch zehn der einst 18 Mitglieder aktiv. Da die Jury-Plätze bislang immer auf Lebenszeit vergeben wurden, war die Akademie in ihrer Arbeit gelähmt. Erst mit einer Ergänzung der Statuten um ein Rücktrittsrecht machte der schwedische König Carl Gustav XVI. vor wenigen Wochen den Weg für eine Neubesetzung frei.

pj/bb (dpa)

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