Viele zivile Opfer bei Anti-Taliban-Aktion

Bei einem Einsatz von Spezialkräften der afghanischen Armee gegen die radikalislamischen Taliban sind zahlreiche Gäste einer Hochzeitsfeier getötet worden. Ein Mitglied der Regionalverwaltung sprach von mindestens 24 zivilen Opfern.

Ziel der Militäraktion in der südlichen Provinz Helmand am Sonntagabend sei ein Unterschlupf der Aufständischen gewesen, die dort vermutlich Selbstmordattentate vorbereitet hätten. Dabei sei unbeabsichtigt eine Hochzeitsfeier in einem benachbarten Gebäude unter Beschuss geraten. Das US-Militär erklärte, bei dem Schlag seien 22 Taliban-Kämpfer getötet worden.

Drohnenattacke bei Pinienkern-Ernte

Es war der zweite derart folgenschwere Einsatz binnen weniger Tage. Erst Mitte der vergangenen Woche waren zahlreiche Zivilisten einem US-Drohnenangriff im Osten Afghanistans zum Opfer gefallen. Eigentliches Ziel waren Kämpfer der Terrormiliz “Islamischer Staat”. Bei der Aktion wurden laut US-Militärkreisen aber auch Anwohner getroffen, die gemeinsam mit den Extremisten Pinienkerne in einem Wald geerntet hätten. Mindestens 32 Menschen seien getötet worden, unter ihnen auch Kinder.

Die Taliban hatten ungeachtet laufender Friedensverhandlungen ihre Angriffe zuletzt intensiviert. US-Präsident Donald Trump hatte die Gespräche unter Verweis darauf abgebrochen und weitere massive Militäroperationen gegen die Islamisten angekündigt.

jj/stu (rtr, ap)

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New York im Zeichen des Klimaschutzes

US-Präsident Donald Trump hat nur zweieinhalb Jahre gebraucht, um Dutzende Umweltschutzvorschriften wieder einzukassieren und vom Pariser Klimaabkommen zurückzutreten, mit dem die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau begrenzt werden soll. Solch eine Bilanz macht die USA nicht gerade zum offensichtlichsten Gastgeber für einen Weltklimagipfel. Aber an diesem Montag werden Staats- und Regierungschefs aus aller Welt für den Climate Action Summit der Vereinten Nationen in New York zusammenkommen.

Der Gipfel ist ein Versuch, die weltweite Kampagne gegen den Klimawandel anzukurbeln. Politiker aus rund 60 Nationen werden konkrete Maßnahmen verkünden, die ihre Länder zur Bekämpfung der globalen Erwärmung ergreifen werden. Unter den Rednern: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Indiens Premierminister Narendra Modi. Redezeit gibt es nur für Länder, die versprochen haben, weitreichende Schritte vorzustellen, mit denen die Pariser Klimaziele erreicht werden können.

USA | Demonstranten beim Global Climate Strike in New York City (DW/C. Bleiker)

Eine Demonstrantin in New York City würdigt die Initiatorin der Fridays-For-Future-Bewegung

“Kommt nicht mit schönen Reden zum Gipfel”, sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres auf einer Pressekonferenz im August. “Kommt mit konkreten Plänen.” Trump will die Klimakonferenz in seiner alten Heimatstadt zwar schwänzen, aber er wird sie nicht ignorieren können. Schon in den Tagen vor dem Gipfel hatten Klimaaktivisten lautstark auf sich und ihre Sache aufmerksam gemacht.

Protest für den Klimaschutz

Zum Global Climate Strike gingen in New York schätzungsweise 250.000 Demonstranten auf die Straße, um mehr Klimaschutz und Umweltschutz zu fordern – es war der größte Protest in den USA an diesem Tag. “Die Demo ist wirklich gut, weil sie die Politiker aufmerksam macht und anderen zeigt, dass diese Bewegung [der jugendlichen Klimaschützer] funktionieren wird”, sagte die 10-jährige Alisa, die mit ihrem Vater aus Connecticut nach New York gereist war.

Weit härter ging die 16-Jährige “Fridays For Future”-Gründerin Greta Thunberg mit den Staats- und Regierungschefs ins Gericht: “Die schönen Worte der Mächtigen sind die gleichen, die leeren Versprechungen sind die gleichen, die Lügen sind die gleichen, und die Untätigkeit ist die gleiche. Nirgendwo habe ich einen Menschen an der Macht gefunden, der es wagt, die Dinge beim Namen zu nennen. Egal, wo du bist: Selbst diese Last überlassen sie uns Teenagern, uns Kindern”, sagte sie auf der Abschlussveranstaltung im Battery Park an der Südspitze Manhattans. “Was nützt es uns, zu lernen, wenn die Machthaber sich weigern, den Experten zuzuhören und auf die Fakten zu achten?”

USA | Demonstranten beim Global Climate Strike in New York City (DW/C. Bleiker)

Die Klima-Demo in New York war die größte in den USA

Dieser Seitenhieb auf Donald Trump kam bei den Demonstrierenden gut an. Viele hatten Plakate dabei, die den US-Präsidenten und seine Politik kritisierten – durchaus mit Humor: Auf ein Plakat hatte ein Jugendlicher “Auf einem toten Planeten kann man kein Golf spielen” geschrieben.

“Wir brauchen mutige Aktionen”

Trump wird nicht am UN-Gipfel teilnehmen, aber Experten prophezeien: Die Zeiten, in denen der Präsident den Klimawandel als Nebensache abtun konnte, sind vorbei. “Die jungen, inspirierenden Klimaschützer haben hier eine Tür aufgestoßen”, sagte Charlie Jiang, ein Greenpeace-Aktivist, der DW. “Wir stecken in einer Krise. Wir brauchen mutige Aktionen.”

Aufbruchsstimmung war auch beim Jugendklimagipfel auf dem Gelände der Vereinten Nationen spürbar, bei dem sich am Wochenende mehr als 1000 Jugendliche aus über 140 Ländern trafen, um Strategien zum Schutz der Umwelt zu diskutieren und Politiker dazu zu bringen, die globale Erwärmung ernst zu nehmen und entsprechend zu handeln.  

USA | Demonstranten beim Global Climate Strike in New York City (DW/C. Bleiker)

Nanoua Ewekia (l.) und Laloniu Suiane (r.) aus Tuvalu beim Youth Climate Summit

“Der Klimawandel ist beängstigend, besonders wenn man ihn mit eigenen Augen sieht”, sagte die 20-jährige Nanoua Ewekia. Sie kommt aus Tuvalu, einem pazifischen Inselstaat, der aufgrund des steigenden Meeresspiegels Gefahr läuft, vom Meer verschluckt zu werden. “Wir müssen laut werden, damit Leute wie [US-Präsident Donald Trump] uns hören. Wie würden die sich fühlen, wenn sie an unserer Stelle wären?”

Menschen in Ländern wie Tuvalu werden dem UN-Klimagipfel besondere Aufmerksamkeit schenken. Denn wenn die Maßnahmen, die die Staatsoberhäupter verkünden wollen, nicht weit genug gehen, können sie ihr Zuhause für immer verlieren.

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Reiseveranstalter Thomas Cook ist pleite

Der älteste Touristikkonzern der Welt hat kein Geld mehr. Nach Gesprächen mit Banken, Gläubigern und Regierungsvertretern in London teilte die britische Unternehmensspitze mit, man müsse das Geschäft sofort einstellen. Man habe keine Alternative gehabt, als mit sofortiger Wirkung das Konkursverfahren einzuleiten. Banken fordern von Thomas Cook zusätzlich zu einem schon ausgehandelten 900 Millionen Pfund (knapp eine Milliarde Euro) schweren Rettungspaket weitere 200 Millionen Pfund (226 Millionen Euro). 

Thomas Cook-Urlauber berichten im Kurznachrichtendienst Twitter bereits von dramatischen Zuständen. In Tunesien wurden Reisende nach eigenen Angaben in Hotels festgehalten, da die Manager befürchteten, kein Geld mehr vom kriselnden Veranstalter zu bekommen. Andere klagten, sie hätten für die Unterkunft ein zweites Mal bezahlen müssen. Das Geld sei ihnen von der Kreditkarte abgebucht worden.

Der 1841 gegründete Reiseveranstalter mit Marken wie Neckermann-Reisen betreibt Hotels, Ferienressorts, Airlines und veranstaltet Kreuzfahrten. Von den 105 Flugzeugen im Konzern sind 58 für den deutschen Ferienflieger Condor unterwegs. Weltweit hat Thomas Cook rund 21.000 Mitarbeiter in 16 Ländern, davon sind etwa 4500 in Deutschland bei Condor beschäftigt. Dort läuft das operative Geschäft trotz der Turbulenzen der Konzernmutter derzeit noch normal. Allerdings dürfte es dem profitablen deutschen Ferienflieger schwerfallen, sich bei einer Insolvenz der Konzern-Mutter ganz zu entkoppeln.

In Großbritannien hatten Gewerkschaften und die oppositionelle Labour-Partei zuvor noch an die Regierung appelliert, die Finanzlücke von 200 Millionen Pfund zu schließen. Außenminister Dominic Raab erklärte jedoch: “Wir greifen nicht systematisch mit dem Geld der Steuerzahler ein, wenn Unternehmen untergehen -  es sei denn, es gibt ein gutes strategisches nationales Interesse.” Die Regierung sei jedoch bereit, Urlauber nach Hause zu holen, sollte der Konzern kollabieren. Laut dem Sender BBC stellte die zivile Luftfahrtbehörde CAA schon zahlreiche Flugzeuge für einen entsprechenden Notfall bereit. Sollten rund 150.000 Briten stranden, wäre das für Großbritannien die größte Rückholaktion in Friedenszeiten in der Geschichte des Landes.

Von der Bundesregierung gibt es bislang keine Stellungnahme, ob ebenfalls Vorbereitungen getroffen werden, möglicherweise zehntausende Urlauber nach Deutschland zurückzuholen. In der Bundesrepublik sind Versicherer dafür zuständig, Pauschalurlauber, die sogenannte Reisesicherungsscheine haben, im Notfall zurückzubringen. In der Praxis helfen dann andere Fluggesellschaften, Touristen nach Deutschland zu holen.

Thomas Cook war durch eine milliardenschwere Abschreibung auf ein britisches Tochterunternehmen und ein schwächeres Reisegeschäft ins Schleudern geraten. Bereits 2012 retteten mehrere Banken den Konzern mit frischem Geld vor dem Untergang. Auch dadurch sitzt Thomas Cook auf einem Schuldenberg in Milliardenhöhe und ächzt unter der hohen Zinslast. Stärker als der Branchenprimus TUI leidet Thomas Cook auch unter der anhaltenden Unsicherheit um den Brexit, der die Reiselust der Briten dämpft.

se/nob (rtr, dpa, twitter)

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Die Kirche, die Frauen, die Macht

Sie lassen nicht locker. Zum Auftakt der Vollversammlung der katholischen deutschen Bischöfe wollen katholische Frauen erneut protestieren. “Wir wollen sichtbar und hörbar sein. Und ich glaube, dass sind wir den Frauen und den Männern in der katholischen Kirche auch schuldig, dass man jetzt mehr von uns hört”, sagt Mechthild Heil, die Bundesvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), der DW. Der mit 450.000 Mitgliedern größte katholische Frauenverband in Deutschland drängt auf den Zugang von Frauen zu allen kirchlichen Diensten und Ämtern. Auch zum Priesteramt.

Mechthild Heil - Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd/Tina Umlauf)

Mechthild Heil, Bundesvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands

An diesem Montagmittag will Heil mit bis zu 300 Mitgliedern des Verbandes in einem Demozug durch die Innenstadt von Fulda zum Priesterseminar neben dem Dom der Stadt ziehen. Mit einer Percussiongruppe, Transparenten und Plakaten, auch mit großen Purpurkreuzen. Zum Abschluss wollen sie den eintreffenden Bischöfen ihre Forderung übergeben und mit dem Vorsitzenden der Konferenz, Kardinal Marx, sprechen. “Selbst wer will, wird uns nicht übersehen oder überhören können”, sagt Heil.

Männer, Missbrauch, Macht

Ein Protest mit Vorgeschichte: Vor bald zehn Jahren begann der Skandal um sexuellen Missbrauch in der Kirche in Deutschland mit dem Bekanntwerden zahlreicher Fälle an einer Berliner Jesuiten-Schule. Seitdem erschüttern immer neue Erkenntnisse, neue Zahlen und neue Berichte von Opfern. In den vergangenen Jahrzehnten gab es weit als tausend Täter unter den Priestern, tausende Opfer und zehntausende Straftaten. Und es wurde vertuscht und weggesehen. Bis Herbst 2018 belegten Wissenschaftler mit einer Studie das Ausmaß des Skandals. Seitdem geht es zusehends um patriarchales Denken in der männlich dominierten Kirche, um den Zusammenhang von Machtmissbrauch und sexuellem Missbrauch.

Canisiuskolleg Berlin (picture alliance/AP)

Missbrauchsopfer des Berliner Canisius-Kollegs sorgten für Aufarbeitung

Und es geht um die Frauen. “Wir kommen an der Frauenfrage nicht vorbei”, sagt der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. Er ist Vize-Vorsitzender der Bischofskonferenz. Wie auch einige andere Bischöfe plädiert er für eine Debatte um weibliche Diakone, die es in der katholischen Kirche bislang nicht gibt. Mehrere prominente Ordensfrauen gehen weiter. Frauen müssten in der Kirche “die Machtfrage stellen”, sagte beispielsweise die Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen, Schwester Katharina Ganz. Und betonte, kein Papst habe den Ausschluss von Frauen vom Weiheamt, also als Diakonin, Priesterin oder Bischöfin, bisher als Dogma definiert.

Post vom Papst

Bischöfe und Laien wollen in Deutschland einen sogenannten “Synodalen Weg” beginnen und grundsätzliche Fragen angehen. Eine der vorbereitenden Arbeitsgruppen befasste sich mit “Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche”. Und hält fest, dass die Stellung der Frau in der katholischen Kirche in Anbetracht der rechtlichen Gleichstellung von Frauen und Männern in vielen Ländern weltweit “nicht den gesellschaftlichen Erwartungen an die gerechte Teilnahme an Leitungsdiensten” entspreche.

Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (picture-alliance/dpa/F. Gentsch)

Männergesellschaft: Die Vollversammlung der Bischöfe

Doch die Kluft ist tief in der Kirche. Ende Juni schrieb Papst Franziskus einen Brief an die deutschen Katholiken, der so ermunternd wie mahnend interpretiert wurde. Vor zehn Tagen legten wichtige Kurienkardinäle nach und mahnten die deutschen Bischöfe. Und der Kölner Kardinal Woelki, in der Bischofskonferenz der wichtigste Gegenspieler zu Kardinal Marx, erklärte die Diskussion um die Priesterweihe von Frauen für beendet. Ob und wie es nun mit dem “Synodalen Weg” weitergeht, scheint offen. Marx sprach Ende der Woche mit Papst Franziskus in Rom. Davon wird er beim Treffen der Bischöfe, die in der Frauenfrage zerstritten sind, berichten.

“Aus einer alten Zeit…”

“Das kommt irgendwie aus einer alten Zeit, wenn Woelki sagt: Die Debatte ist beendet”, meint Heil dazu trocken. Woelkis Absage passe nicht in die Moderne. “Es ist der letzte Versuch zu sagen: Ich spreche ein Machtwort”, so die kfd-Chefin zur DW. Für den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt gebe es historische Argumente oder Machtargumente, aber “theologisch kein Argument”.

Deshalb die Demo. Heils Frauenverband fordert seit zehn Jahren jeweils mit einer Aktionswoche Ende September “Macht Euch stark für eine geschlechtergerechte Kirche!”. Doch nie kam es zur lautstarken Demo bei den Bischöfen in Fulda.

Entschädigungszahlungen nach Missbrauch?

Zumindest beim Thema der Missbrauchs-Aufarbeitung, bei dem sich die Bischöfe bislang schwer tun, scheint es Bewegung zu geben. Wohl erstmals überhaupt darf am Dienstag ein prominenter Vertreter der Betroffenen in der nicht öffentlichen Vollversammlung sprechen. Der Sprecher der Opferinitiative “Eckiger Tisch”, Matthias Katsch, sagte der DW, er werde den 69 versammelten Bischöfen eine seit dem Frühjahr erarbeitete Empfehlungen der Initiative für eine Entschädigungsregelung vorstellen. Dabei geht es um einen finanziellen Ausgleich für Opfer sexuellen Missbrauchs von 300.000 Euro. Bislang hatten die Bischöfe pauschale Regelungen stets strikt abgelehnt.

Matthias Katsch (Imago/J. Heinrich)

Matthias Katsch, Sprecher der Initiative “Eckiger Tisch”

Die Demo der Frauen wird nicht der einzige Protest sein während der viertägigen Beratungen. Zum Abschluss am Donnerstag will der Zusammenschluss Maria 2.0 unter dem Motto “Jetzt ist die Zeit: Frauen streiten für ihre Kirche” demonstrieren und am Abschlussgottesdienst teilnehmen. Und gleichfalls am Schlusstag wollen Vertreter der Katholischen Jungen Gemeinde (KjG) für “mutige” Strukturveränderungen in der Kirche eintreten.

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Bruce "The Boss" Springsteen wird 70

Kariertes Hemd, enge Jeans, Cowboy-Boots. Die E-Gitarre in den muskulösen Armen, singt Bruce Springsteen mit rauer Stimme von dem Amerika, aus dem er stammt: Sohn eines Hilfsarbeiters, aufgewachsen in einer Kleinstadt in New Jersey, südlich von New York City.

Die Verhältnisse sind bescheiden, der Vater ist frustriert und trinksüchtig. Er lernt, sich dort herauszuboxen. Mit zehn Jahren bekommt er seine erste Gitarre. Er liebt Elvis Presley, die Stones und die Beatles und beschließt, Musiker zu werden. Mit 16 Jahren fängt er bei einer lokalen Band an und nimmt mit ihr zwei Singles auf.

Bis zur Gründung seiner legendären E Street Band dauert es noch ein paar Jahre, in denen er in verschiedenen Konstellationen Live- und Studioerfahrung sammelt. Und dann kommt endlich der Plattenvertrag. 1973 erscheint “Greetings From Ashbury Park, N.J.”, im selben Jahr folgt “The Wild, The Innocent, And The E Street Shuffle”. Kritiker wollen schon den “neuen Bob Dylan” sehen und sagen dem knapp 25-jährigen Bruce Springsteen eine große Karriere voraus.

Bruce Springsteen mit Nils Lofgren (picture-alliance/Photoshot)

Bruce Springsteen mit dem Gitarristen Nils Lofgren

Raus aus dem Käfig

Die aber soll sich erst später einstellen: mit den 1975er Album “Born To Run”. Im Titelsong singt Bruce Springsteen das Mädchen Wendy an, die mit ihm gehen soll, bloß weg aus der Stadt, die “einem die Knochen aus dem Rücken reißt” – klar, es geht um seine eigene Heimatstadt, den ”Käfig”, aus dem er herausspringt, direkt auf den Highway 9, im vollgetankten Auto mit Chromfelgen.

Die ganze LP handelt von Träumen, vom Freiheitswillen, von Flucht aus dem trostlosen Alltagstrott muffiger Kleinstädte. Ein Roadmovie wird wahr: Springsteen geht erstmals auf große US-Tour, “Born To Run” kommt auf Platz 5 der US-Charts.

Es gefällt den Rockfans, was Springsteen da macht: ehrlichen, erdigen Rock aus dem Amerika der Arbeiterklasse, Geschichten von harten Kerlen mit weichem Herz. Springsteen beschreibt die Schicksale der Benachteiligten und Gebeutelten, der Menschen, die nicht mehr weiterkönnen, aber dennoch an das Gute und die Kraft des unkaputtbaren Amerikaners glauben. Doch Stolz und Patriotismus werden immer wieder hinterfragt – was in dem wohl berühmtesten Song “Born In The USA” gipfelt.

Mit “Born in the USA” zum Megastar

“Born In The USA” ist keineswegs ein patriotischer Jubelsong. Es ist eine späte Abrechnung mit dem Vietnamkrieg und dem traurigen Schicksal der Vietnam-Veteranen, die zehn Jahre nach Kriegsende immer noch nicht Fuß gefasst haben im reichen Amerika. In der Tradition US-amerikanischer Protestsänger wie Woody Guthrie oder Bob Dylan deckt Springsteen die Kehrseite des amerikanischen Traums auf und teilt seine düsteren Visionen mit dem Rest der Welt. Und der findet das gut.

CD-Cover Born in the USA von Bruce Springsteen

Ikonisches Cover: “Born In The USA” (1984)

“Born In The USA” macht Springsteen 1984 zum internationalen Megastar. Er tourt durch die Welt, füllt Stadien und spielt seinen Fans bis zu fünf Stunden dauernde Konzerte. Springsteen und seine E Street Band avancieren zur besten Liveband jener Zeit.

“The Boss” und seine Musiker (u.a. Steven van Zandt und Nils Lofgren an den Gitarren, der 2011 verstorbene Saxophonist Clarence Clemons und im Backgroundgesang Springsteens spätere Ehefrau Patti Scialfa) geben von der ersten bis zur letzten Note energiegeladene Shows zum Besten, deren Querschnitt 1986 in einer umfangreichen Box (“Live 1975-1985″) veröffentlicht wurde. Stadionatmosphäre im Wohnzimmer.

USA FOR AFRICA 1985: Cyndi Lauper, Bruce Springsteen, James Ingram, Smokey Robinson, Ray Charles, Sheila E., June Pointer, Randy Jackson. Middle row, from left; Al Jarreau, Dionne Warwick, Lionel Richie, Kenny Rogers, Huey Lewis, Bob Dylan, John Oates, Ruth Pointer. Top row, from left; Daryl Hall, Steve Perry, Kenny Loggins, Jeffrey Osborne, Lindsay Buckingham, and Anita Pointer. (AP Photo) | (picture-alliance/AP Images)

“We Are The World”: Als politischer Mensch fehlt Springsteen auch nicht bei dem Projekt USA for Africa

Auftritt der Superlative in der DDR

Springsteen gehört zu den wenigen westlichen Rockstars, die in der DDR auftreten. Am 19. Juli 1988 gibt er auf der Radrennbahn Weißensee in Ostberlin das größte Stadionkonzert seiner Laufbahn. 160.000 Karten sind verkauft worden, aber mehr als doppelt so viele Fans waren da. Manche sprechen sogar von 500.000 Menschen.

Sie alle feiern den Freigeist aus den fernen USA, dem größten Klassenfeind des sozialistischen DDR-Regimes. Springsteen will ihnen die Botschaft “Reißt alle Mauern nieder” entgegenrufen – und dann wird nach einem Veto der Zensoren dies daraus: “Es ist schön, in Ostberlin zu sein. Ich bin nicht für oder gegen eine Regierung. Ich bin gekommen, um Rock ‘n’ Roll für euch zu spielen.” Dann fügt er noch hinzu: “In der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren umgerissen werden.”

Manche sagen diesem Konzert – dem größten, das jemals auf dem Boden der DDR stattgefunden hat – nach, es habe den Prozess bis zum Mauerfall eingeleitet.

Bruce Springsteen gibt Konzert in Ostberlin, Blick von oben auf Bühne und zigtausende Fans (picture-alliance/dpa)

So sehen 300.000 bis 500.000 Menschen aus… Das legendäre Konzert in Ostberlin schrieb Musikgeschichte

Viele musikalische Wege

1989 trennen sich Springsteen und seine E Street Band vorübergehend. Er macht solo weiter – und erhält 1994 für seinen Song “Streets of Philadelphia” einen Oscar für den besten Filmsong im Kinostreifen “Philadelphia”.

Springsteen produziert Soloalben und geht auf Touren – kleiner, akustisch. 1999 kommt die E Street Band wieder dazu. Zwar gibt es keine neue Platte, aber auf einer ausgedehnten Tournee beweisen Springsteen und die E Street Band, dass ihre Liveshows immer noch zu den besten gehören.

Springsteen geht immer wieder neue musikalische Wege – beschäftigt sich mit den Songs von Ur-Protestsänger Pete Seeger, nimmt mit anderen hochkarätigen Musikern Songs auf. Immer wieder geht es auf große Tour, zuletzt waren Springsteen und die E Street Band 2016 in Deutschland zu sehen.

Bruce Springsteen singt in ein Mikrofon (AP)

Springsteen bei einem Auftritt im Jahr 2012

Ruhigere Töne

Im Juni 2019 ist das letzte Studioalbum erschienen. Auf “Western Stars” ist Springsteen merkwürdig ruhig geworden. Mit 70 Jahren ist vielleicht auch die Rolle des aufmüpfigen Arbeiterkindes nicht mehr so glaubwürdig. Springsteen singt immer noch von gescheiterten Persönlichkeiten, aber weniger von Kampf als von Resignation, Grenzen und Leere.

Fühlt sich so die Hälfte der US-Bürger angesichts eines rückwärts gewandten Präsidenten Trump nach einem Hoffnungsträger wie Barack Obama? Wenn ja, dann hat Bruce Springsteen auch mit dieser Platte den Zeitgeist seiner US-amerikanischen Heimat erfasst.

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Arabische Liste will Gantz als israelischen Regierungschef

“Wir wollen die Ära Benjamin Netanjahu beenden, und deshalb empfehlen wir, dass Benny Gantz die nächste Regierung bildet”, machte Aiman Auda, Vorsitzender der Vereinigten Arabischen Liste, im Sondierungsgespräch mit Israels Präsident Reuven Rivlin deutlich. Dies bedeutet allerdings nicht automatisch, dass die arabischen Abgeordneten Teil einer künftigen Koalition sein werden. Zuletzt hatte eine arabische Liste 1992 den Kandidaten einer jüdischen Partei empfohlen. Damals war es Izchak Rabin von der Arbeitspartei gewesen, zu Beginn des Friedensprozesses mit den Palästinensern.

Arabische Minderheit will größeres Mitspracherecht

Traditionell gelten die arabischen Parteien in Israel nicht als legitime Koalitionspartner. Sie lehnten bislang auch eine Regierungsbeteiligung ab. Israelische Medien werteten es allerdings als außergewöhnlich, dass die Vereinigte Arabische Liste den Vorsitzenden des Mitte-Bündnisses Blau-Weiß empfiehlt – einer Partei mit drei Ex-Generälen. Dies wurde als Zeichen für den Wunsch der arabischen Minderheit für ein größeres Mitspracherecht eingeschätzt. Rund 20 Prozent der neun Millionen Israelis sind Araber.

Der arabische Abgeordnete Ahmed Tibi sagte, man habe die Entscheidung trotz der Vorbehalte gegen Gantz getroffen, der 2014 als Generalstabschef Krieg gegen militante Palästinenser im Gazastreifen geführt hatte. “Gantz ist eigentlich nicht nach unserem Geschmack”, sagte er der “Times of Israel”. Man habe den Wählern jedoch versprochen, alles zu unternehmen, um Netanjahu aus dem Amt zu entfernen, “deshalb haben wir verstanden, dass wir einen kühnen Schritt wagen müssen”.

Arabische Liste empfiehlt Gantz als Israels Premier | Benny Gantz (picture-alliance/AP Photo/S. Scheiner)

Benny Gantz soll nach dem Willen der arabischen Parteien Israels nächster Regierungschef werden

In Israel herrscht angesichts des knappen Ausgangs der Parlamentswahl vom Dienstag politische Ungewissheit. Das oppositionelle Mitte-Bündnis Blau-Weiß von Gantz ist mit 33 von 120 Sitzen stärkste Fraktion in der Knesset. Der rechtskonservative Likud des amtierenden Ministerpräsidenten Netanjahu liegt mit 31 Mandaten auf Platz zwei. Die Vereinigte Arabische Liste stellt 13 Abgeordnete und ist damit drittstärkste Kraft. Balad, eine der vier Parteien in dem Bündnis, stellte am Sonntagabend allerdings klar, dass sie die Empfehlung für Gantz nicht mittragen will.

Staatspräsident Rivlin traf am Sonntag auch Vertreter von Netanjahus Likud, der strengreligiösen Schas-Partei sowie von der ultrarechten Israel Beitenu (Unser Haus Israel). Deren Parteivorsitzender Avigdor Lieberman hatte zuvor betont, er werde weder Gantz noch Netanjahu für das Amt des Ministerpräsidenten empfehlen. Der Ex-Verteidigungsminister galt bisher als Königsmacher nach der zweiten Parlamentswahl in diesem Jahr. Er macht sich für eine große Koalition aus seiner Partei, Blau-Weiß und Likud stark.

Israel Netanjahu Rivlin und Gantz (AFP/Y. Sindel)

Benjamin Netanjahu – hier vor wenigen Tagen mit Rivlin und Gantz – hält am Ministerpräsidentenamt fest

Rivlin befürwortet ein Bündnis der beiden größten Parteien. Die Bildung einer stabilen Regierung entspreche dem Willen des Volkes, sagte er. “Niemand will zum dritten Mal wählen.” Nach der Parlamentswahl im April war es Netanjahu nicht gelungen, eine Koalitionsregierung zu bilden.

Weder das Mitte-Links-Lager noch der rechts-religiöse Block verfügen bislang über die notwendige Mehrheit von 61 Mandaten. Deshalb sprechen sich auch Netanjahu und Gantz für eine große Koalition aus. Es herrscht jedoch Uneinigkeit darüber, wer sie anführen soll. Gantz lehnt ein Kabinett mit Netanjahu als Ministerpräsident strikt ab. Zur Begründung verweist er auf die Korruptionsvorwürfe gegen Netanjahu, der sich am 2. Oktober einer Anhörung stellen muss. Danach droht ihm eine Anklage in drei Fällen.

se/nob (dpa, ap, afp)

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