US-Notenbank warnt vor weiterer Inflationsgefahr

Die derzeit hohe Inflation könnte nach Einschätzung von US-Notenbankchef Jerome Powell länger als ursprünglich erwartet andauern. Im kommenden Jahr dürfte sich der starke Preisauftrieb wieder verlangsamen und die Nachfrage dürfte in ein besseres Gleichgewicht kommen, heißt es in einer vorab veröffentlichten Rede, die Powell am Dienstag vor dem Bankenausschuss des Senats halten will.

Faktoren auch im nächsten Jahr 

“Es ist schwierig, die Fortdauer und die Auswirkungen der Lieferengpässe vorherzusagen. Aber es scheint derzeit so, dass Faktoren, die die Inflation antreiben, im nächsten Jahr fortbestehen werden”, fügt Powell hinzu. Mit der rapiden Verbesserung am Arbeitsmarkt gehe außerdem die Flaute zurück und stiegen die Gehälter in einem deutlichen Tempo.

USA Benzinpreise schnellen in die Höhe

Deutliches Zeichen der Inflation: die hohen Benzinpreise, nicht nur – wie hier – in den USA

Der jüngste Anstieg der Covid-19-Fälle in Verbindung mit der neuen Omikron-Variante stelle Risiken für die Beschäftigung und das Wirtschaftswachstum sowie eine erhöhte Unsicherheit für die Inflation dar. Powell versprach, dass die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zu ihrem Preisstabilitätsziel stehe. Die Zentralbank werde die Konjunktur und den Arbeitsmarkt unterstützen sowie eine Preisspirale verhindern.

Bald die Zinswende?

Die Inflation ist inzwischen so hoch wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr. An den Märkten wird damit gerechnet, dass unter der Führung Powells im Juni 2022 die Zinswende eingeleitet wird. Dann könnte der geldpolitische Schlüsselsatz um einen Viertel Prozentpunkt angehoben werden. Derzeit wird er in einer Spanne von null bis 0,25 Prozent gehalten.

ml/fw (rtr, ap)

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Mutter der Performance: Marina Abramovic wird 75

Ihren Tod hat Marina Abramovic schon vorbereitet. Natürlich als Performance: Beerdigt werden sollen drei Marinas, eine “richtige” und zwei “falsche”. Und zwar an den Orten, an denen die weltweit bekannteste Performance-Künstlerin die meiste Zeit verbrachte: in Belgrad, Amsterdam und New York.

An welchem Ort der echte Körper begraben sein wird, soll geheim bleiben. Sich mit dem eigenen Ende auseinanderzusetzen, sei essentiell für sie. “Mit jedem Tag, den man lebt, nähert man sich dem Tod”, sagte Abramovic in einem Interview mit der Kuratorin Carrie Scott. “Darauf muss man vorbereitet sein, damit man ohne Angst oder Wut stirbt.” Das habe sie von ihrer Großmutter gelernt, die stets Kleidung für die eigene Beerdigung zurechtgelegt habe, jeweils angepasst an die damalige, sich ändernde Mode – ihre Oma wurde 103.

Geboren wurde Marina Abramovic am 30. November 1946 in Belgrad, wo sie in den 1970er-Jahren an der Staatlichen Kunsthochschule Malerei studierte. “Ich spüre deutlich, dass ich vom Balkan komme. Wir machen aus allem ein großes Drama. Entweder aus persönlichen Lebensereignissen oder aber aus dem ganz grundsätzlichen Drama des menschlichen Daseins.” Diese Energie und die damit verbundenen Emotionen sind in Abramovic’ Kunst ungemein intensiv. Ihre Performances provozieren, machen aggressiv, wühlen auf, beruhigen, rühren zu Tränen – kalt lassen sie wohl kaum einen.

Marina Abramovic kämmt sich die Haare

Kunst und Künstler müssen schön sein? Zwanghaftes Kämmen mit Metallbürsten in “Art must be beautiful” (1975)

Begonnen hatte Marina Abramovic ihr Werk mit extremen körperlichen Erfahrungen - eine Qual sowohl für sie als auch für die Zuschauer. Mit 26 Jahren stach sie sich bei einer ihrer ersten Arbeiten zwischen die Finger der linken Hand. Dass sie sich dabei verletzten würde, kalkulierte sie mit ein, mit jedem Stich in den Finger wechselte sie das Messer. “Wie beim Russischen Roulette geht es um Mut, Leichtsinn, Verzweiflung und Düsterkeit”, erzählt Marina Abramavic in ihrer 2018 auf Deutsch erschienen Autobiografie “Durch Mauern gehen”. Wichtig sei “die andere Seite”. “Wenn du das alles überstanden hast, ist die Freude unbeschreiblich. Genau dafür lebe ich”, sagte sie über die Schmerzen ihrer Kunst in dem Interview mit der Kuratorin Scott. Nichts sei einfacher, als Dinge zu tun, die man gerne tut. Doch das wirkliche Erleben sei das eben nicht.

Messerstechen und Ersticken

Nach dem Messerstechen folgten viele weitere verstörende Arbeiten. Bei “Art must be beautiful” kämmte sie sich 1975 mit einer Metallbürste und einem Metallkamm gewaltsam die Haare, Abramovic dazu: “Während ich dies mache, wiederhole ich solange ‘Art must be beautiful’, ‘Artist must be beautiful’, bis ich mein Haar und Gesicht zerstört habe.”

Ein Jahr zuvor bestand ihre Performance “Rhythm 5″ aus einem brennenden kommunistischen Stern, in dessen Mitte sie sich legte, nachdem sie ihre Haare und Nägel geschnitten und verbrannt hatte. Doch das Feuer hatte den ganzen Sauerstoff verbraucht, Abramovic wurde ohnmächtig: “Die Zuschauer reagieren nicht, weil ich liege. Als eine Flamme mein Bein berührt und ich immer noch nicht reagiere, betreten zwei der Zuschauer den Stern und tragen mich hinaus. Ich werde mit den Grenzen meines Körpers konfrontiert, die Performance wird unterbrochen.”

Performance endet in Tumult

Die direkte Konfrontation mit dem Publikum hatte sie bereits 1974 mit “Rhythm 0″ zur Legende gemacht. In einer Galerie legte sie 72 Gegenstände aus, darunter eine Säge, Nägel, Alkohol, Streichhölzer, Lippenstift und sogar eine geladene Pistole. Mit einem Schild forderte die damals 27-Jährige das Publikum auf, sechs Stunden lang mit ihr zu machen, was es wollte. Eine intensive Performance, bei der manche Besucher die junge Frau verletzten, sie beschmierten und die Kleidung zerschnitten, andere hingegen versuchten, sie zu beschützen.

Marina Abramovic mit Lebens- und Kunstpartner Ulay, die Haare zum gemeinsamen Zopf gebunden

Symbiose und Abgrenzung: Marina Abramovic mit Lebens- und Kunstpartner Ulay

1975 lernte sie den deutschen Künstler Ulay kennen. In ihrer zwölfjährigen Beziehung loteten die beiden gemeinsam die Grenzen ihrer Körper aus, “eine romantische und radikale Zeit”, sagte Abramovic im DW-Interview. Im Vordergrund habe ihre Liebe gestanden, danach die Kunst. Die ersten Performances bestanden aus Auf- und Abprallen ihrer nackten Körper, erzählten eindrucksvoll von Verlangen und Abgrenzung. In einer späteren Installation ohrfeigten sich die beiden 20 Minuten lang, dabei sei es um den Klang gegangen, den eine Ohrfeige erzeuge, der Körper sei hier nur ein Instrument.

Viele Jahre lebten sie wie Nomaden, reisten zu den Aborigines und Tibetern. Die beiden exzentrischen Künstler trennten sich schließlich. Ihre ursprüngliche Performance, bei der sie 2500 Kilometer auf der Chinesischen Mauer aufeinander zulaufen wollten, um dann zu heiraten, wurde nach der langen Vorbereitungszeit schließlich zur Trennungsperformance.

Marina Abramovic während ihrer Performance auf einem Holzstuhl im MoMA in New York. Ihr gegenüber sitzt ein Mann

So leer war es selten in der MoMA-Retrospektive: Marina Abramovic in “The Artist is Present” (2010)

Bahnbrechende Kunst des Stillsitzens

Wer meinte, Abramovic hätte schon alle Grenzen der Performance-Kunst überschritten, wurde bald erneut überrascht. So beispielsweise mit der Performance ”The Artist is Present”: Anlässlich der großen Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art nahm Marina Abramovic die Aussage wörtlich: Die Künstlerin war anwesend. 75 Tage, sieben Stunden am Tag saß sie auf einem Holzstuhl, den sie weder zum Essen noch zum Toilettengang verließ, möglich nur durch eine strenge Diät.

Ihr gegenüber stand ein leerer Stuhl, der jedoch während der gesamten Schau nie leer blieb. Besucher setzten sich der Ikone gegenüber, schauten ihr in die Augen, lachten, weinten, darunter auch Prominente wie Sharon Stone, Tilda Swinton, Björk oder Lady Gaga. Ein einziges Mal brach sie ihre Reglosigkeit, nämlich als ihr früherer Partner Ulay ihr gegenüber Platz nahm.

Die Abramovic-Methode

Marina Abramovic hat seit den 1990er-Jahren viele junge Performancekünstler in den verschiedensten Institutionen unterrichtet. Ihre Methoden hat sie in der “Abramovic-Methode” zusammengefasst, einer Sammlung von verschiedenen Entspannungs-, Meditations- und Konzentrationsübungen.

Sie wolle die Techniken vermitteln, die es ihr während der Performances ermöglichen, Grenzerfahrungen durchzustehen, sagt die Künstlerin. Im “Marina Abramovic Institute” können auch zahlende Privatpersonen in fünftägigen Workshops ihre spezielle Methode kennenlernen. Damit reduziere sich Abramovic zur Society-Schamanin, monieren ihre Kritiker.

Naserümpfend wurde teilweise auch ihr Crowdfunding für ein Performance-Art-Zentrum in Hudson im Bundesstaat New York bewertet. 31 Millionen Dollar hätte der von Rem Koolhaas entworfene Neubau kosten sollen, zu viel für Abramovic, sie gab das Projekt auf. Sie habe akzeptiert, sagte sie 2017 gegenüber der Monatszeitschrift “The Art Newspaper”, dass diese immaterielle Kunstform auch ein immaterielles Zentrum habe: “Wenn uns Institutionen einladen, arbeiten wir einfach dort.”

Geteiltes Echo: mal gefeiert, mal verrissen  

In den letzten Jahren wagte Marina Abramovic mehrere Experimente, auch im Grenzbereich von Musik, Theater, Film und Performancekunst: So konnten Neugierige 2019 die Abramovic-Methode bei ihrem Projekt “Anders hören” in der Frankfurter Oper selbst ausprobieren. Nach achtstündiger Vorarbeit mit der Methode sollten sie besonders sensibilisiert in eine vierstündige Musikvorführung gehen. Die Kritiken fielen sehr unterschiedlich aus.

Marina Abramovic im goldene Kleid auf der Bühne im Opernprojekt 7 deaths of Maria Callas

Marina Abramovic im Opernprojekt “7 deaths of Maria Callas”

Ähnlich ambivalent wurde auch ihr wegen der Corona-Pandemie mehrmals verschobenen Opern-Projekt “7 Deaths of Maria Callas” aufgenommen. In München verrissen, in Paris gefeiert, wartet es nun auf weitere Aufführungen, unter anderem im Frühling 2022 an der Deutschen Oper in Berlin. Mit der griechischstämmigen Star-Sopranistin Callas eint die jetzt 75-Jährige Abramovic nicht nur die markante Nase sondern auch ein untrügliches Gespür für das Dramatische.

Sterben, sterben – und gleich nochmal

In der von ihr geschriebenen und inszenierten Oper liegt Abramovic auf einem Sterbebett, während sie in großen Videoprojektionen – begleitet von Charakterdarsteller Willam Dafoe – in der Rolle der Callas den siebenfachen Operntod stirbt. Zuletzt imaginiert sie den echten Tod der Callas: Ein Schlafzimmer in Paris, es sind nur Klangflächen zu hören, ein Schaben, Sprachfetzen aus den Lautsprechern: “Bin ich wach?”, “Welcher Tag ist es?” Das Sterben geschieht in Einsamkeit, umgeben von einem Rauschen, durch das Musikfetzen wehen, das Gefühl von Leere. Und irgendwann: Stille.

Oper 7 seven deaths of Maria Callas | Marina Abramovic

Sterben als Diva: Marina Abramovic als Maria Callas auf der Opernbühne

Derweil bleibt Marina Abramovic auch mit 75 Jahren äußerst umtriebig: 2023 etwa ist
eine große Ausstellung in der Royal Albert Hall in London geplant.

Warum sie ausgerechnet drei Marinas beerdigen lassen möchte? Jede stünde für einen Teil von ihr: Mut, Spiritualität und Blödsinn. Früher habe sie sich immer für einen dieser Teile geschämt, heute akzeptiere sie sich so, wie sie ist. Daher habe sie auch kein Problem damit, älter zu werden, sagte die Performance-Ikone im DW-Interview. “Man braucht Zeit, sich selbst zu verstehen. Älterwerden bedeutet, weiser zu werden.” 

Dies ist die aktualisierte Fassung eines Porträts vom 29.11.2016.

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Auftakt im Missbrauchsprozess gegen Ghislaine Maxwell

Zu Beginn des Missbrauchsprozesses gegen Jeffrey Epsteins Ex-Partnerin Ghislaine Maxwell hat die Staatsanwaltschaft der 59-Jährigen Beihilfe zu schweren Sexualverbrechen gegen Minderjährige vorgeworfen. Die Angeklagte sei bei den Verbrechen die “rechte Hand” des einflussreichen Geschäftsmanns Epstein gewesen, sagte eine Staatsanwältin bei ihrem Eröffnungsplädoyer vor Gericht in New York. Die Verteidigung bestritt diese Darstellung vehement.

“Wusste genau, was passieren würde”

In dem von Epstein betriebenen Missbrauchsring habe Maxwell eine entscheidende Rolle gespielt, das Vertrauen von Mädchen gewonnen und sie ihrem ehemaligen Partner zugeführt, so die Anklage weiter. ”Sie wusste genau, was passieren würde.” Maxwell ist in sechs Punkten angeklagt, ihr drohen im Falle einer Verurteilung viele Jahre Haft.

Die Verteidigung der 59-Jährigen bestritt die Darstellung der Anklage in ihrem Eröffnungsplädoyer vehement. Es gehe um Verbrechen Epsteins, mit denen Maxwell nichts zu tun habe. “Sie ist nicht wie Jeffrey Epstein”, sagte Maxwells Anwältin. Dieser sei ein “narzisstischer Mann” gewesen und habe die Welt um sich herum manipuliert – inklusive Maxwell selbst. Auch griff die Verteidigung die vier Hauptzeuginnen an. Die mutmaßlichen Verbrechen seien 15 bis 25 Jahre her: ”Wie wir alle wissen, verblassen Erinnerungen mit der Zeit.”

Vorteilhafter Deal

Maxwells Ex-Partner Epstein war der Aufbau eines Prostitutionsrings mit Dutzenden minderjährigen weiblichen Missbrauchsopfern vorgeworfen worden. Ein Prozess im Jahr 2008 endete mit einem vorteilhaften Deal für Epstein, der vielfach kritisiert wurde. Zu einem erneuten Prozess in New York gegen den bestens vernetzten Multimillionär – zu dessen Bekannten unter anderem Bill Clinton, Donald Trump, Bill Gates oder der britische Prinz Andrew zählten – kam es nie, weil Epstein 2019 tot in seiner Gefängniszelle gefunden wurde. Gerichtsmediziner kamen zu dem Schluss, dass es Suizid gewesen sei.

Kombild Ghislaine Maxwell und Jeffrey Epstein

Glamour und Einfluss: Ghislaine Maxwell und der verurteilte Jeffrey Epstein (rechts), der sich nach Überzeugung der Justiz das Leben nahm

Die Staatsanwaltschaft bemühte sich am Montag, Maxwell als zentrale Komplizin für Epstein darzustellen. Sie habe die Mädchen auf Epstein vorbereitet, sie ihm täglich für sogenannte Massagen zugeführt, bei denen dieser sie sexuell missbraucht habe. Einige Male sei Maxwell bei solchen Übergriffen sogar anwesend gewesen. Zudem habe sie eine ”Kultur des Schweigens” in Epsteins Anwesen aufgebaut, um die Taten geheim zu halten. Ihr Motiv sei gewesen, ihr eigenes Luxusleben bei Epstein aufrecht zu erhalten. 

New York, Florida, Santa Fe, London

Ghislaine Maxwell ist die Tochter des legendären britischen Verlegers Robert Maxwell. Sie kam Anfang der 90er Jahre nach New York und begegnete Jeffrey Epstein auf einer der zahlreichen Promi-Partys. Der Prozess gegen Maxwell wird schätzungsweise sechs Wochen dauern. Die zu verhandelnden Fälle reichen von 1994 bis 2004, die mutmaßlichen Verbrechen sollen in Epsteins Anwesen in New York, Florida, Santa Fe und London stattgefunden haben.

ml/fw (dpa, rtr, ap)

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Wer ist die britische Innenministerin Priti Patel?

Die britische Boulevardzeitung “The Sun” ist für ihre kurzen und prägnanten Schlagzeilen bekannt und nicht dafür, dass man für ihre Überschriften eine Lesebrille braucht. Wenn dort nun ein Regierungsmitglied ungewöhnlich lang formuliert und schon in der Überschrift zugibt, “Ich verstehe Ihre Frustration, aber es gibt keinen Zauberstab, um die Migrationskrise zu lösen”, dann muss die Erklärungsnot wirklich riesig sein. In dieser Situation befindet sich gerade die britische Innenministerin Priti Patel und nimmt die lebensgefährlichen Fahrten von Migranten über den Ärmelkanal zum Anlass, für neue Einwanderungsregeln zu werben.

Ihr im Frühjahr vorgestellter “Neuer Plan für Einwanderung” solle durch schnellere Verfahren dabei helfen, “echte Asylsuchende” von “Wirtschaftsmigranten” zu trennen, schreibt Patel in ihrem Gastbeitrag in der Sonntagsausgabe der “Sun”. “Wenn Migranten nicht annehmen, sie dürften im Vereinigten Königreich bleiben, werden sie nicht ihr Leben riskieren und Kriminellen Tausende Pfund zahlen, um hierher zu kommen.” Menschenrechtler protestierten, der Einreiseweg dürfe nicht die Chance auf ein Asylverfahren schmälern.

Frankreich Calais | Pitri Patel und Gerald Darmanin

Nachbarschaftsstreit: vergangene Woche lud Frankreichs Innenminister Gerald Darmanin Patel kurzfristig von einer Beratung aus

Doch die als Hardlinerin bekannte Innenministerin wirbt unbeirrt für ihren Plan: “Niemand muss aus Frankreich flüchten, um sicher zu sein”, sagte sie vor ein paar Tagen im Londoner Unterhaus. Ihr Plan sieht vor, dass der Grenzschutz auch Pushbacks durchführen soll. Die Gewerkschaft PCS, in der viele britische Grenzschützer organisiert sind, könnte sich deswegen bald einer Klage von Flüchtlingsorganisationen anschließen. Es wäre nicht das erste Störfeuer, gegen das Priti Patel zu kämpfen hat.

Einwandererkind, konservativ

Patels Eltern gehörten zur indischstämmigen Minderheit, die sich infolge der kolonialen Verflechtungen im ostafrikanischen Uganda niedergelassen hatte. Kurz vor der Vertreibung vieler Inderinnen und Inder durch den Diktator Idi Amin 1972 siedelte das Paar nach Großbritannien über, wo Priti Patel im selben Jahr geboren wurde. In ihren frühen Jahren, schreibt “The New European”, erzählte Patel häufiger, wie sie als Kind hart arbeitender Einwanderer dazu kam, mit 18 in die Konservative Partei einzutreten. Sie erwähnte dabei auch die legendäre Premierministerin Margaret Thatcher, genau wie Patel die Tochter eines Ladenbesitzers.

BG Statuen Proteste weltweit gegen Rassismus und Kolonialismus London Winston Churchill

Der gewaltsame Tod George Floyds löste auch in London Proteste und Forderungen nach Aufarbeitung aus

Inzwischen macht Patel ihre Identität nur noch selten zum Thema, jedoch unter anderem in einer Parlamentsdebatte im Juni 2020, als auch in Großbritannien hauptsächlich junge People of Color nach der Tötung George Floyds gegen Rassismus auf die Straße gingen: Als die Schwarze Labour-Abgeordnete Florence Eshalomi sie aufforderte, rassistische Ungleichheit anzuerkennen, erzählte Patel von rassistischen Beleidigungen, die sie als Kind erdulden musste.

Metallica und Margaret Thatcher

Die 49-Jährige gehört heute zum Machtzentrum der konservativen Regierung von Boris Johnson. Dabei wurde sie zu Beginn ihrer politischen Karriere als Exotin beschrieben: “Wenn es zum Erfolg führen würde, nicht wie eine Tory-Abgeordnete auszusehen und zu klingen, dann könnte Priti Patel die Rettung der Partei sein”, schrieb der Londoner “Daily Telegraph” im Jahr 2001, als Tony Blair von der Labour Party gerade haushoch wiedergewählt worden war und die Tories in einer Führungskrise steckten. Sie habe sich niemals als Abgeordnete gesehen, schreibt die Zeitung, bis sie ausreichend frustriert vom Gedresche in der Partei gewesen sei und gedacht habe: “Verdammt, jemand muss es tun.”

Der Artikel zeichnet das Bild einer 30-Jährigen, die einerseits Metallica laut aufdreht und an der Universität “mit einem Haufen Linker, die alle meine Kumpel waren”, abhing und Alkohol trank – die andererseits aber sehr klar benennen konnte, wofür sie politisch steht: “Individuelle Freiheiten, die Regierung von den Schultern der Leute entfernen, weniger Steuern, mehr Wahlfreiheit bei Bildung und Gesundheit, starke lokale Regierungen.”

Margaret Thatcher

Großes Vorbild: Margaret Thatcher, britische Premierministerin von 1979 bis 1990

Ausführlicher legte Patel ihre Überzeugungen 2012 in der Denkschrift “Britannia Unchained” dar, die vielfach als modernere und radikalere Version der politischen Vision Margaret Thatchers beschrieben wird. Bemerkenswert ist, wer neben Patel daran mitgewirkt hat: Kwasi Kwarteng ist heute Wirtschaftsminister, Dominic Raab Justizminister, Liz Truss ist inzwischen Außenministerin und der letzte Co-Autor Chris Skidmore war bis 2020 ebenfalls im Kabinett von Boris Johnson. Aufsehen erregte das dünne Buch mit der Aussage, britische Arbeiter seien “unter den weltweit schlimmsten Faulpelzen” – Lob gab es hingegen für den “intensiven Geist des Wettbewerbs” im kommunistischen China.

Innenministerin, die “Angst und Schrecken” verbreiten will

Priti Patel stieg schneller auf als manche ihrer Co-Autoren: In seinem letzten Regierungsjahr holte David Cameron sie als Arbeitsministerin ins Kabinett. Patel warb 2016 für den Brexit und wurde schließlich unter der neuen Premierministerin Theresa May Ministerin für internationale Entwicklung. Aus dieser Zeit stammen kontroverse Vorstöße, die britische Entwicklungshilfe stärker als bisher an den nationalen Interessen auszurichten. Von ihrem Ministeramt musste sie 2017 zurücktreten, nachdem bekannt geworden war, dass sie sich ohne vorherige Rückkopplung in ihrem Urlaub mit israelischen Regierungsvertretern getroffen hatte. Zwei Jahre später kehrte sie unter Boris Johnson an den Kabinettstisch zurück – nun als Innenministerin.

Damals fiel sie mit der markigen Aussage auf, Kriminelle sollten “wortwörtlich Angst und Schrecken verspüren, wenn sie nur daran denken, Delikte zu begehen”. Früher hatte sie sogar die Todesstrafe als Abschreckung für Kriminelle gefordert – eine Position, von der sie sich inzwischen distanziert hat.

UK Priti Patel

Als erste Innenministerin nach dem Brexit hat Priti Patel dennoch oft mit ihrem französischen Kollegen zu tun

Fast seit Amtsantritt als Innenministerin hat sie dort auch mit dem Thema Migration zu tun: Im Oktober 2019 wurden in der südenglischen Grafschaft Essex, in der sich auch Patels Wahlkreis befindet, die Leichen von 39 vietnamesischen Migranten entdeckt, die qualvoll in einem Lastwagen zu Tode gekommen waren. In der Folge verstärkte Großbritannien gemeinsam mit Frankreich die Überwachung der über den Ärmelkanal kommenden Laster und beteiligte sich an Grenzsicherungsanlagen an der Einfahrt zum Eurotunnel in Calais. In ihrem “Sun”-Gastbeitrag resümierte Patel: “Ironischerweise war es unser Erfolg beim Schließen der Lastwagen-Route, der die monströsen Gangs dazu gebracht hat, die Aufmerksamkeit auf die Boote zu lenken.”

Nach dem Bootsunglück mit 27 Toten Ende November gab Patel zu verstehen, dass sie sich im kommenden Winter noch schlimmere Tragödien am Ärmelkanal vorstellen kann.

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Wikipedia soll weiblicher werden

Es gilt als das einflussreichste Lexikon der Welt: die Enzyklopädie Wikipedia, in unzähligen Sprachen kostenlos im Internet abrufbar. Mit mehr als sechs Millionen Artikeln ist die englischsprachige Version von Wikipedia die umfangreichste, auf dem zweiten Rang folgt die deutschsprachige mit rund 2,6 Millionen Artikeln. Und die soll geschlechtergerechter werden: Zum dritten Mal ist der Startschuss für das jährliche Projekt #100WomenDays gefallen. 

Dabei geht es darum, innerhalb von 100 Tagen mindestens 100 Frauenbiografien bei Wikipedia einzustellen. Beteiligen können sich alle Autorinnen und Autoren, die für die Internet-Enzyklopädie schreiben. Angelehnt ist die Aktion an die in allen Sprachen verbreiteten “100 Wiki Days”, in denen in 100 Tagen eine einzelne Person 100 Artikel hinzufügt. Bei den #100WomenDays handelt es sich jedoch um eine Gemeinschaftsaktion – und zwar eine sehr erfolgreiche: Im vergangenen Jahr wurden von 81 Autorinnen und Autoren nicht nur 100, sondern über 1000 Biografien hinzugefügt.

Nicht einmal ein Fünftel aller Biografien sind weiblich

“Dass es so viele werden, hatte niemand erwartet”, erzählt Carolina Bruckmeier der DW im Videointerview. Sie verfügt über Administratorenrechte bei Wikipedia und hat in diesem Jahr die Organisation der #100WomenDays von den Gründerinnen aus Köln übernommen. “Aber es macht einfach Spaß, spannende Biografien zu lesen und zu schreiben. Und vermutlich schreiben in dieser Zeit auch mehr Frauen als sonst, wegen der Aktion.” Dabei können die Autorinnen und Autoren voll und ganz ihren Neigungen folgen: Im vergangenen Jahr habe eine Person zum Beispiel unzählige Handballerinnen und Volleyballspielerinnen hinzugefügt, berichtet Bruckmeier.

Linnea Claeson

Handballerin mit Wikipedia-Eintrag: Die Schwedin Linnea Claeson setzt sich zudem gegen Sexismus im Internet ein.

Es geht bei der Aktion aber nicht nur um den Spaß: ”Wir wollen damit auch in den Fokus rücken, dass wir weniger Artikel über Frauen als über Männer in der Wikipedia haben.” Das liege zum einen daran, so Bruckmeier, dass Frauen in der Gesellschaft immer noch nicht gleichberechtigt seien. In diesem Zusammenhang weist sie auf Parlamente weltweit hin, in denen noch lange nicht die Hälfte der Abgeordneten Frauen sind. Zum anderen, so die Organisatorin von #100WomenDays, würden wahrscheinlich weitaus weniger Frauen als Männer an Wikipedia arbeiten. 

Eine Studie von Wikimedia, dem Trägerverein der Wikipedia-Enzyklopädie, aus dem Jahr 2018 bestätigt diese Vermutung: Nur rund neun Prozent aller Autoren waren damals weiblich, 90 Prozent hingegen männlich, und ein Prozent gaben ihr Geschlecht als “divers” an. Hinzu kommt, dass Artikel über Frauen seltener sind und zudem auch häufig weniger ausführlich. Die Forscherin Francesca Tripodi wies in einer Studie aus dem Jahr 2021 außerdem darauf hin, dass Biografien von Frauen weitaus häufiger zur Löschung markiert werden würden als die von Männern. Ein Team von Computerlinguisten der renommierten US-amerikanischen MIT-Universität fand überdies heraus, dass auch die in Wikipedia-Artikeln verwendete Sprache “grundsätzlich sexistisch ist”.

“Zu viele Kriegsschiffe, zu wenig Poesie”

Katherine Maher von Wikimedia wies schon 2018 daraufhin, dass man sich der eigenen Schwächen vollkommen bewusst sei. “Unsere Autoren sind überwiegend Männer und aus dem Westen, und diese Gatekeeper übertragen ihre Standards und Vorurteile auf ihre Texte”, schrieb sie zunächst in der ”Los Angeles Times” und dann auf dem Blog der englischsprachigen Wikimedia. ”Deshalb hat Wikipedia Dutzende Artikel über Kriegsschiffe und nicht mal annähernd genug über Poesie. Es gibt unzählige Artikel über American Football in US-amerikanischen Colleges, aber viel weniger über afrikanische Marathonläufer.”

Frauen halten in Paris braune und lilane Plakate hoch, auf denen auf Französisch Nieder mit dem Patriarchat und feministische Slogans stehen.

Am 20.11.2021 forderten Demonstrantinnen in Paris ein Ende des Patriarchats und der Gewalt gegen Frauen

Gleichzeitig schrieb sie, Wikipedia sei ein Spiegel der Gesellschaft – und daher eher ein Symptom der Frauenfeindlichkeit in der Welt als ihre Ursache.

Wikimedia startete trotzdem mehrere Aktionen, um für mehr Geschlechtergerechtigkeit bei Wikipedia zu sorgen, zum Beispiel “Women in Red” im englischsprachigen Raum oder #100WomenDays in Deutschland. Ziel ist es jeweils, in Wikipedia mehr Artikel über Frauen hinzuzufügen.  

Enden soll die diesjährige Aktion #100WomenDays am 8. März 2022 – also am Weltfrauentag. Das hatte man sich im Team so gewünscht, erklärt Carolina Bruckmeier der DW im Gespräch. Dann sollen mindestens 100 weitere Biografien die sogenannte “Hall of Femmes” (deutsch: “Halle der Frauen” – in Anlehnung an “Hall of Fame”) auf der Wikipedia bereichern. Ein kleiner Fortschritt, wenn man bedenkt, dass noch immer nur rund 19 Prozent der Biografien auf Wikipedia von Frauen handeln – und ganze 81 Prozent von Männern.

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Was macht Angela Merkel in Zukunft?

Angela Merkel kocht gerne Kartoffelsuppe und backt gerne Pflaumenkuchen mit Streuseln. Typische deutsche Herbstgerichte, für deren Zubereitung sie in den vergangenen Wochen allerdings noch keine Zeit hatte. Als Bundeskanzlerin blieb sie nach der Bundestagswahl geschäftsführend im Amt, wie es in Deutschland bei einem Regierungswechsel üblich ist, bis die neue Regierung steht.

In Kürze soll es soweit sein. Rund 16 Jahre wird Angela Merkel dann Regierungschefin gewesen sein. Nur einige Tage weniger als ihr politischer Ziehvater Helmut Kohl. Er schied 1998 nach 5870 Tagen aus dem Amt aus.

Guido Westerwelle, Ex-Außenminister FDP - 80. Geburtstag Helmut Kohl

5870 Tage amtierte Helmut Kohl (sitzend) als Bundeskanzler. Ein Rekord, den Angela Merkel ganz knapp verfehlen wird

Immer wieder hat Merkel in den letzten Wochen etwas zum letzten Mal getan: Im Bundestag auf der Regierungsbank sitzen, das Bundeskabinett leiten oder eine Corona-Krisensitzung mit den Ministerpräsidenten. Am Donnerstag wird die Bundeswehr sie mit einem Großen Zapfenstreich zum Abschied ehren – einem feierlichen militärischen Zeremoniell mit Militärmusikern und Fackelträgern.

Ein letztes Mal in Paris, London, Washington

Zum letzten Mal als Kanzlerin ist Angela Merkel in den letzten Wochen auch in vielen Hauptstädten dieser Welt gewesen. Wehmütig wirkte sie dabei nicht. Als der italienische Premier Mario Draghi anlässlich des G20-Gipfels sagte, er hoffe, Merkel in Zukunft häufiger in Italien zu sehen, “vielleicht auch bei etwas entspannteren Gelegenheiten”, antwortete Merkel, ihre Liebe zu Italien werde sie bald “noch ganz anders leben können, wenn ich nicht mehr Bundeskanzlerin bin”.

Eine Formulierung, die genau genommen nicht ganz korrekt ist. Merkel scheidet zwar aus dem Amt aus, wird in der offiziellen Anrede aber Frau Bundeskanzlerin bleiben. Wenn über sie gesprochen oder geschrieben werden wird, dann als Bundeskanzlerin außer Dienst, abgekürzt a.D., oder als Altbundeskanzlerin oder Altkanzlerin.

“Schauen wir mal, wo ich auftauche”

Mit dem ersten Tag als Altkanzlerin beginnt für Angela Merkel ein neues Leben. Wie das aussehen wird, darüber hielt sie sich bislang bedeckt. Im Juli, bei einem Besuch in Washington, bei dem ihr eine weitere Ehrendoktorwürde verliehen wurde, ließ sie zumindest durchblicken, dass sie sich erst einmal eine Pause gönnen und keine Einladungen annehmen will. Sie müsse erst einmal realisieren, dass ihre bisherigen Aufgaben “jetzt ein anderer macht”. Aber, so fügte sie hinzu: “Ich glaube, das wird mir sehr gut gefallen.”

In ihrer neu gewonnenen Freizeit wolle sie darüber nachdenken, “was mich so eigentlich interessiert”. Dazu habe sie in den letzten 16 Jahren wenig Zeit gehabt. “Danach werde ich vielleicht versuchen, etwas zu lesen, dann werden mir die Augen zufallen, weil ich müde bin, dann werde ich ein bisschen schlafen, und dann schauen wir mal, wo ich auftauche.” 

“Miss Merkel” ermittelt

In die Zukunft geschaut haben bereits ein Fotokünstler und ein Krimiautor. Andreas Mühe hat ein Double der Bundeskanzlerin in viel Ruhe, ja Einsamkeit ausstrahlenden Posen fotografiert und daraus eine Ausstellung gemacht. Der Krimiautor David Safier geht hingegen davon aus, dass sich Angela Merkel ohne ihren bis zum Bersten vollgepackten Terminkalender schnell langweilen wird.

Deutschland | Templin | Ferienhaus Merkel in Hohenwalde

Am liebsten spannt die Bundeskanzlerin in ihrem Haus in Brandenburg aus. Aber wird sie von Berlin dorthin umziehen?

In seinem humoristischen Krimi “Miss Merkel” lässt er die Altkanzlerin nach einem Umzug in ihr bisheriges Ferienhaus in Brandenburg mit dem beschaulichen Landleben hadern. Nur wandern und Kuchen backen? Frei nach den britischen Miss-Marple-Krimis von Agatha Christie lässt Safier Merkel über einen Mordfall stolpern und mit Feuereifer ermitteln.

Ihre Rente ist sicher

Unterhaltsame Fiktion, doch die Ausgangsfrage ist berechtigt: Kann ein Mensch, der jahrzehntelang von frühmorgens bis spätabends verplant war und so große Verantwortung getragen hat, von heute auf morgen abschalten? “Was man vermisst, merkt man meistens erst, wenn man es nicht mehr hat”, orakelt die zukünftige Altbundeskanzlerin.

Am 17. Juli ist Angela Merkel 67 Jahre alt geworden. Finanziell muss sie sich keine Sorgen machen. Derzeit verdient sie als Bundeskanzlerin 25.000 Euro pro Monat. Dazu kommen etwas mehr als 10.000 Euro, die ihr als Abgeordnete des Bundestags zustehen, dem sie seit mehr als 30 Jahren angehört. Wenn Merkel mit der Arbeit aufhört, bekommt sie zunächst drei Monate lang ihr Gehalt weitergezahlt und dann für maximal 21 Monate die Hälfte als Übergangsgeld.

15.000 Euro pro Monat

Für das anschließende Ruhegehalt werden die verschiedenen Versorgungsansprüche aus ihrer Tätigkeit als Kanzlerin, Ministerin und Bundestagsabgeordnete miteinander verrechnet. Merkel kommt zugute, dass sie sehr lange im Dienst war. Die auf fünf (!) Kommastellen genauen Berechnungsgrundlagen finden sich im sogenannten Ministergesetz des Bundes aus dem Jahr 1953. Bundeskanzlern stehen nach mindestens vier Jahren im Amt 27,74 Prozent ihres bisherigen Gehalts zu. Mit jedem weiteren Amtsjahr steigt der Anspruch um 2,39167 Prozent bis zum Höchstsatz von 71,75 Prozent.

Bildergalerie Merkel mal anders - wir gratulieren zum 60.

Auch aus ihrer Zeit als Umweltministerin hat Angela Merkel finanzielle Ansprüche fürs Alter

Im Ergebnis kann Angela Merkel mit einem Ruhegehalt von rund 15.000 Euro pro Monat rechnen. Außerdem hat sie bis zu ihrem Lebensende Anspruch auf Personenschutz, einen Dienstwagen und ein Büro in den Räumlichkeiten des Bundestags in Berlin. Personell möchte sie mit einem Büroleiter, einem stellvertretenden Leiter, zwei Referentinnen, drei Sachbearbeitern und zwei Fahrern ausgestattet werden. So hat sie es beantragt.

Zweite Karriere nicht ausgeschlossen

Ehemalige Regierungsmitarbeiter sind gesetzlich zur Verschwiegenheit verpflichtet. Doch auch wenn sie nicht plaudern dürfen, sind sie in der Wirtschaft beliebt. Als Berater und wegen ihrer enormen politischen Kontakte. Einige Amtsvorgänger von Angela Merkel sind in die Wirtschaft gegangen. Helmut Schmidt wurde 1982 Herausgeber der Wochenzeitung “Die Zeit” und war ein beliebter Redner. In einem Interview sagte der Altkanzler 2012: “Ich habe es mir zur Regel gemacht, keinen Vortrag für weniger als 15.000 Dollar zu halten.”

Helmut Schmidt

Bis zu seinem Tod 2015 war Helmut Schmidt ein gefragter politischer Gast und Redner

Weitaus besser noch als Schmidt verstanden es die Altkanzler Helmut Kohl und Gerhard Schröder, ihre politische Vergangenheit und Berühmtheit in bare Münze umzuwandeln. Kohl gründete als Altkanzler eine Firma für Politik- und Strategieberatung, mit der er als Lobbyist und Berater sehr gut verdiente.

Die Causa Schröder

Für viel Ärger sorgte Gerhard Schröder, als er sich 2005 nur wenige Monate nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt in die Dienste des Pipeline-Unternehmens Nord Stream stellte, einer Tochter der russischen Gazprom. Schröder hatte sich bereits als Bundeskanzler für die Gaspipeline eingesetzt.

Deutschland Gerhard Schröder und Wladimir Putin und in Hannover

Zwei, die sich gut verstanden: Gerhard Schröder und Wladimir Putin im April 2004

Inzwischen ist gesetzlich festgelegt, dass ehemalige Regierungsmitglieder vor dem Wechsel in die Wirtschaft beim Kanzleramt anfragen müssen, ob mit ihrer Tätigkeit “öffentliche Interessen beeinträchtigt werden”. Eine Ethikkommission berät die Regierung, die im Zweifel eine Karenzzeit von bis zu 18 Monaten verhängen kann.

Wohnort Berlin

Strebt Angela Merkel einen neuen Job oder ein Ehrenamt an? Darüber ist nichts bekannt. 

Bayreuther Festspiele 2021 | Eröffnung

Wie in jedem Jahr besuchten Angela Merkel und Joachim Sauer 2021 die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth

Wahrscheinlich ist zumindest, dass sie erst einmal in Berlin bleiben wird. Ihr Mann, der Quantenchemiker Joachim Sauer, denkt nämlich noch nicht ans Aufhören. An der Berliner Humboldt-Universität ist er als Professor zwar emeritiert, seinen Vertrag als Senior Researcher hat der 72-Jährige aber verlängert. Erst einmal bis 2022.

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